
Diesen Sommer war ich auf Radtour. Zwei Wochen von Berlin die Havel entlang bis zur Elbe, die Elbe entlang bis zur Saale, die Saale entlang bis zu Ilm, Gera, Werra (die auch Flüsse sind), schließlich noch ein Stück Unstrut. Jeden Tag ein anderer Ort, bekannt, weniger bekannt; Städte, in denen ich noch nie war. Nach Sightseeing war mir nicht, schließlich gings ums Radfahren – Natur, Bewegung, Kilometer treten und glücklich sein, wenn der Weg gut und schattig ist und abwärts geht… Etwas habe ich mir doch angesehen: Taubstummenanstalten bzw. das, was von den Taubstummenanstalten noch übrig ist. Darum solls hier gehen.
Karl Christoph Gottlieb Zerrenner und Magdeburg an der Elbe
Taubstummenanstalten gibt‘s schon lange nicht mehr. Dass man nicht mehr „taubstumm“ sagt, habe ich hier schon erklärt. Heute soll man oft ein Wort nicht mehr benutzen; nicht immer ist klar, was das soll. Warum man „taubstumm“ nicht mehr benutzen sollte, ist völlig klar: Menschen, die taub sind, sind nicht stumm – ob sie nun in Gebärdensprache reden oder mit dem CI hören und sprechen. – Taubstummenanstalten waren die ersten Schulen, in denen taube Kinder lernen konnten. Zuallererst lernten sie, mit anderen zu kommunizieren. Das ist Voraussetzung, um mehr zu lernen. Dass Kinder, die nicht hören, wie andere lernen können, war am Anfang der Taubstummenschulen – also vor etwa 250 Jahren – für viele Leute unglaublich, geradezu spektakulär. Über die weltweit erste öffentliche Taubstummenschule in Paris und über die K. u. K. Taubstummenschule in Wien hatte ich hier schon geschrieben.
Als „taubstumm“ galt ein Kind, wenn es nicht hörte und deshalb nicht sprach. Hörgeräte gab es noch nicht. Daher gab es auch keine „schwerhörigen“ Kinder: Schon mit einem mittelgradigen Hörverlust war man „taubstumm“. Hatte man einen leichten Hörverlust, kam man nicht in die Taubstummenanstalt, sondern in eine Volksschule, und musste dort irgendwie klarkommen.
Um 1900 gab es in Deutschland etwa 100 Taubstummenanstalten – vor allem in größeren Städten. Am Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Anstalten meist klein. Ein Lehrer unterrichtete wenige taube Kinder; oft waren die Schulen privat – in der Wohnung des Lehrers oder in nur einem Raum. Wurden sie größer, und kamen Zöglinge von weiter weg, lebten diese auch in der Anstalt oder sie wohnten in Pflegefamilien; das hieß Internat oder Externat. Die frühen Anstalten waren wie eine Art Familie: Die Frau des Lehrers war die „Hausmutter“, die für die „Zöglinge“ sorgte.
Manche Schulen bestanden nicht lang. Die in Magdeburg, die 1828 vom Pädagogen Carl Christoph Gottlieb Zerrenner gegründet wurde, kann es nicht lange gegeben haben. Zumindest fand ich keinen Ort, um dort mit dem Fahrrad Station zu machen – nur den Hinweis, dass es in Magdeburg ein Lehrerseminar gegeben hat, und der Pädagoge das Seminar mit der Taubstummenanstalt verband, damit die jungen Lehrer gleich lernen können, wie man taube Kinder unterrichtet. So eine Kombination gab‘s damals häufiger. Schließlich hatten anfangs nur wenige Lehrer ein Konzept. Das Konzept konnte ganz verschieden sein: Man brachte den Kindern bei, vom Mund abzusehen und Lautsprache zu sprechen oder man brachte ihnen Gebärden bei oder beides. Später durften sie keine Gebärdensprache mehr lernen. Warum das für die Kinder nicht gut war, habe ich hier geschrieben.
Albert Klotz und Halle an der Saale
Ein anderer früher Taubstummenlehrer war Albert Klotz, der in seiner Wohnung in Halle begann, taube Kinder zu unterrichten – ab 1835. Seine Schule hatte mehr Erfolg. Sie zog später in ein Gebäude am Jägerplatz, das noch zur DDR-Zeit Gehörlosenschule und später Förderzentrum war; heute gibt es in Halle das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte „Albert Klotz“ – in einem modernen Schulkomplex.
Mich interessierten die alten Taubstummenschulen; also fuhr ich die Saale entlang und in Halle bis zum Jägerplatz. Dass das Gebäude eine Taubstummenanstalt war, sieht man ihm nicht mehr an. Der Bau ist von 1910, im Wilhelminischen Jugendstil; Albert Klotz war 1910 schon tot. Um 1900 wurden viele Taubstummenanstalten gebaut. In den Städten war man stolz auf sie. Schließlich war Taubstummenunterricht neu und modern. Eine Stadt, die eine Taubstummenanstalt hatte, hatte was vorzuweisen: Man war damit auch neu und modern. Es gibt viele alte Postkarten von Taubstummenanstalt aus dieser Zeit. Eine Schulpflicht für taube Kinder gab es übrigens noch nicht – außer in Schleswig. In einem Großteil Deutschlands galt sie erst ab 1912, in manchen Teilen noch später.



Die Taubstummenanstalt in Halle ist heute eine Schule für Kinder, die hören können. Ein bisschen was von damals erzählt die Fassade noch. Über dem Tor gibt es Tiere: Eichhorn, Eidechse, drei Fliegen, ein Spinnennetz; die haben Bedeutungen. Das Eichhörnchen könnte Sparsamkeit, Vorsorge für schlechtere Zeiten oder Lebensfreude bedeuten. Fliegen stehen für Vergänglichkeit oder für Geschäftigkeit und Ausdauer. Die Spinne symbolisiert das Schicksal oder Geduld und Fleiß oder Schutz vor negativen Einflüssen. Und die Eidechsen stehen für Erneuerung oder Wiedergeburt – weil ihr Schwanz immer nachwächst – und für Wärme und Licht. Man kann überlegen, was davon für die tauben Kinder bestimmt war, die durch das Schultor ein- und ausgingen.
Moritz Hill und Weißenfels an der Saale
Weißenfels liegt auch an der Saale. Mitte des 19. Jahrhunderts war seine Taubstummenanstalt berühmt. Hier unterrichtete der Taubstummenlehrer Moritz Hill. Er hatte ganz neue Ideen: Taube Kinder sollten nicht nur sprechen lernen (ungefähr so wie Papageien). Vielmehr sollten sie die Sprache so lernen, dass sie ihnen einen Zugang zur Welt eröffnet. „In allem ist Sprachunterricht“, hat Moritz Hill gesagt. Er hat z. B. eine Sammlung mit vielen Bildchen erstellt, die den tauben Kindern für das Sprechen lernen die ganze Welt zeigen sollten. Gebärden sollten die Kinder bei ihm nicht lernen. Dafür hatte er eigene Methoden, um ihnen das Sprechen beizubringen. Sie übten zum Beispiel das Ausatmen mit einem Stoß, indem sie durch eine Röhre in eine Schweineblase pusteten. Es gibt eine alte Zeichnung, auf der Moritz Hill einem Zöglinge mit einer Rute droht, weil der nicht so sprechen lernen will, wie Hill das will. Vielleicht konnte er es auch einfach nicht. Prügelstrafe war damals normal.
Dennoch muss es Zöglinge gegeben haben, die den Taubstummenlehrer Moritz Hill schätzten. Als Hill schon tot war, hat einer seiner Zöglinge, der inzwischen Bildhauer war, eine Büste von ihm gefertigt, die vor der Taubstummenanstalt in der Langendorfer Straße auf dem Sockel stand. Auf einer alten Postkarte sieht man sie noch vor dem Gebäude, das erst nach Hills Tod entstand. Hill selbst hat im „Jägerhof“ unterrichtet, der heute ein Hotel ist. Gustav Adolf und Johann Sebastian Bach waren auch mal im „Jägerhof“. Bach hat hier seine „Jagdkantate“ uraufgeführt. Außerdem gab dort ein Lehrerseminar, und das hing mit Hills Taubstummenanstalt zusammen.



Moritz Hills Büste steht heute in einer kleinen Grünanlage vor dem Amtsgericht. Im 2. Weltkrieg wurde sie nur deshalb nicht eingeschmolzen, weil sie im Keller der Anstalt lagerte. Zu DDR-Zeit setzte man sie auf einen neuen Sockel: „Er wirkte in Weißenfels für die Gehörlosen der ganzen Erde.“
Das Gebäude der Provinzial-Taubstummenanstalt war schon in der DDR keine Schule für taube Kinder mehr, sondern eine für Techniker. Seit der Wende scheint dort nichts mehr gewesen zu sein: Leer und zugewachsen. „Betreten verboten! Eltern haften für ihre Kinder.“ Ich habe mich trotzdem durch das Gestrüpp bis zum Portal geschoben. Es gibt ein Foto, auf dem die berühmtesten Taubstummenlehrer von damals versammelt vor der Büste von Moritz Hill stehen, dahinter das Portal. Heute sind die roten Ziegelmauern zwischen Blättern versteckt. Fenster und Türen sind mit Sperrholz gesichert und die Treppe hat sich der Efeu gekrallt. Ganz oben sind noch kleine Mosaiken und zerschlagene Bleiglasfenster. So sieht ein Haus aus, wenn es vergessen ist und die Natur sich alles zurückholt.
Max Zöllner und Weimar an der Ilm
In Weimar gabs Probleme mit der Bremse und zum Glück eine freundliche Fahrradwerkstatt. Zum Max-Zöllner-Haus in der Gutenbergstraße habe ich es dennoch geschafft. Es wurde 1900 gebaut – als Schule für Blinde und Taubstumme. Max Zöllner war wohlhabend und „Wohltäter der Blinden und Taubstummen“, er hat ihnen sein ganzes Vermögen vermacht. Außerdem gab es in Weimar die Pädagogen Christian Vollrath, Carl Oehlwein und Ernst Leißling, die im Laufe des 19. Jahrhunderts Blinde oder Taubstumme unterrichteten. Oehlwein war der erste Direktor der Weimarer Blinden- und Taubstummenanstalt. Damals gab es oft Anstalten, in denen sowohl blinde als auch taube Kinder unterrichtet wurden. Auch im Max-Zöllner-Haus soll es so gewesen sein.


Die Fassade des Max-Zöllner-Hauses erzählt ebenfalls. Über dem Eingangstor steht: „Ich will dich mit meinen Augen leiten“. Es gibt Wandreliefs, die eine Art Lehrplan zeigen: ein Wollknäul, ein Globus, eine Eule, die auf Büchern hockt, Kegel, Harfe und Violine, Handarbeitssachen, Früchte, eine Sonnenblume und Symbole für das Lesen und das Schreiben in Braille-Schrift: „Bete und Arbeite“. Das ist eigentlich das Motto der Benediktiner-Mönche. Hier hat man es auf blinde und vielleicht auch auf „taubstumme“ Zöglinge übertragen.
Die „Charitas“ und Erfurt an der Gera
Die frühere Taubstummenanstalt in Erfurt war die einzige auf der Tour, in der heute noch hörgeschädigte Kinder lernen: die „Schule am Südpark“. Ich war früh morgens da und fand einen schönen Ort in einem Viertel mit alten Villenhäusern, gurrenden Tauben auf den Dächern und Bäumen im Wind. Zumindest an dem Morgen war es dort schön; fast wie in einem Traum. Neben der Schule ist ein guter Bäcker; auf Radtouren sind Bäcker wichtig.
Die Schule ist ein Gebäudekomplex. Ich ging nicht überall rein, denn ich wollte nicht stören. Am Schulportal war ich, auf dem „GEHÖRLOSENSCHULE“ steht; darüber links die Figur eines Mädchens, das etwas näht, rechts ein Junge mit einem Buch.




Und ich habe mir „die Caritas“ angesehen – eine Plastik des Bildhauers Gustav Heinrich Wolff von 1926/27: eine barfüßige Frau mit einem Lamm auf den Armen. „Caritas“ bedeutet „Nächstenliebe“. Wolff war Expressionist und mit dem Dichter Gottfried Benn befreundet. Für die Nazis war er „entartet“ und Plastiken von ihm wurden zerstört. Die „Caritas“ hatten Schüler der Taubstummenanstalt vergraben. Erst nach dem Krieg wurde sie ausgebuddelt. So hat die „Nächstenliebe“ die Nazi-Zeit überlebt.
Renate Schoder und Gotha (ohne Fluss)
Gotha liegt an keinem Fluss. Früher gab es dort in der Gotthardstraße die Herzogin-Maria-Stiftung, die Taubstummen- und Blindenanstalt, die später Schwerhörigenschule wurde: Ein Haus aus rotem Backstein mit Giebeln und Fenstern, aus denen Gardinen wehten, als ich mein Fahrrad davor stoppte. Das Gebäude stand lange leer. Jetzt ist es ein Seniorenheim. Was hier früher war, verrät der Ort nicht mehr. Auch sonst konnte ich nichts über die Schule finden. Schwerhörigenschulen entstanden erst nach 1900 (die erste 1902 in Berlin).

Die einzige Geschichte, die ich zur Schule in Gotha fand, war die von Renate Schoder, die mit sechs Jahren hierher gebracht wurde. Das war 1935. Der Amtsarzt in Weimar, wo Renate herkam, hatte sie als „nicht schulfähig für die Normal- oder Hilfsschule“ eingestuft. Deshalb musste sie ohne ihre Familie in Gotha in der Anstalt leben. Aber ihre Lehrerin fand, dass sie nicht lernen kann und nur den Unterricht stört; sie schrieb einen Brief an den Direktor, als Renate elf Jahre alt war. Das Mädchen wurde noch mehrmals an andere Orte verlegt – in ein Heim in Bad Blankenburg, in die Landesheilanstalten Stadtroda. Dort starb Renate Schoder mit zwölf Jahren – offiziell an einer Lungenentzündung. Stadtroda war ein Ort der sogenannten „Kinder-Euthanasie“. Hier wurden in der Nazi-Zeit behinderte Kinder umgebracht – durch Medikamente und Verhungern.

PS 1: Die Fotos von den Taubstummenanstalten in Halle, Weißenfels, Weimar, Erfurt und Gotha sind auf meiner Radtour entstanden; außerdem gibt’s eine alte Postkarte von der Taubstummenanstalt in Weißenfels.
PS 2: Auf die Idee, auf meiner Radtour alte Taubstummenanstalten zu besuchen, kam ich, weil ich gerade an einem Artikel zu einem größeren Projekt schreibe. Ich wollte mehr darüber erfahren, wie Kinder und Jugendliche damals in diesen Anstalten lebten. Vielleicht schreibe ich hier später noch mehr davon…

