Zwischen Welten

Über den Dokumentarfilm „Only I can hear“ (Nur ich kann hören) des japanischen Regisseurs Itaru Matsui
Filmbild aus „Only I can hear“ gemixt mit dem Bild einer Brücke zwischen zwei Ufern

„Ich komme aus einer Kultur, die die meisten Menschen nicht verstehen; sie denken, ich wurde von schrecklichen, dummen Menschen aufgezogen“, erklärt Nyla in einer der ersten Szenen von „Only I can hear“. Zuvor sieht man Bilder aus alten Familienfilmen: Nyla als schreienden Säugling… Dann Nyla als junge Frau, die morgens das Haus verlässt, zur Schule fährt. Und Nyla mit ihrer Familie. Drei Generationen an einem Tisch, die gemeinsam essen, sich unterhalten und sich erinnern. Die Familie spricht American Sign Language (ASL), also die amerikanische Gebärdensprache. Denn außer Nyla sind alle taub. – „Als Nyla noch ein Baby war und ich merkte, dass sie hören kann, wollte ich sie in den Müll schmeißen“, gebärdet Nylas Bruder. Heute lachen alle darüber, auch Nyla. Damals, als sie zur Welt kam, war es für die anderen normal, dass niemand in der Familie hört.

Ein Dokumentarfilm über CODA – von Kindern tauber Eltern

Wenn ich mir Filme anschaue, habe ich oft das Gefühl, dass ich das schon kenne. Selten finde ich einen, der mich etwas völlig neu sehen lässt und sozusagen die Augen öffnet. Der Dokumentarfilm „Only I can hear“ des japanischen Regisseurs Itaru Matsui ist so ein besonderer Film. Er gibt Einblick in die Lebenswirklichkeit dreier hörender Teenager, die im amerikanischen Mittelwesten innerhalb der Gehörlosen-Community aufwachsen.

Illustration zu einem Beitrag über den Dokumentarfilm „Only I can hear“ auf die-hörgräte.de

CODA (also Children of Deaf Adults bzw. Kinder gehörloser Erwachsener) bezeichnet das, was Nyla, Ashley und Jessica, die drei Protagonistinnen von „Only I can hear“, sind. In Deutschland gibt es etwa 80.000 gehörlose Menschen – also Menschen, die in einer Welt der Stille leben – ohne Hörtechnik und ohne Lautsprache. Etwa neun von zehn Kindern gehörloser Eltern können hören. Diese Kinder wachsen in zwei Welten auf, ohne einer von beiden ganz anzugehören, wie der Film eindringlich zeigt.

„Only I can hear“ – vom Aufwachsen zwischen den Welten

Was es bedeutet, CODA zu sein, davon gibt „Only I can hear“ eine Vorstellung. Man erlebt alltägliche Szenen einer – für hörende Menschen – fremden Welt: Die taube Familie besucht eine Tiershow, und die hörende Tochter fungiert als Dolmetscherin. Vor dem Spiel zweier gehörloser Footballmannschaften steht die Community andächtig, während auf dem Spielfeld die Nationalhymne gebärdet wird. Gehörlose Eltern tauschen sich scherzend aus, was man beim Sex beachten muss, wenn im Nachbarzimmer ein CODA-Kind schläft. Und als CODA Ashley ihre hörenden Freunde zu Hause zur Party empfängt, kümmert sich ihre taube Mutter um die Bewirtung der Gäste, so wie es viele Mütter tun würden, dennoch ist hier alles spürbar anders.

Die drei jungen Frauen wechseln ständig zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen. Und sie wechseln zwischen Rollen und Identitäten, die sie in der jeweils anderen Welt haben. – Sie sei nicht taub, aber sie sei auch nicht hörend, sagt eine der Heldinnen. Alle drei berichten von Herausforderungen, wie sie nur CODAs kennen. Es wird erzählt, dass man als Kind zwar hören konnte, Lautsprache jedoch nicht richtig gelernt hat, dass man schon im Kleinkindalter die Dolmetscherin für die oft überforderten Eltern war, dass man in der Schule von den „hörenden Kindern“ gemobbt wurde, dass man sich nie getraut hat, hörende Freunde nach Hause einzuladen, aus Angst, sie zu verlieren, dass man nie sein durfte, wer man ist, dass man es lange Zeit gar nicht wusste oder dass man sich gewünscht hat, taub zu sein, um ganz zur Familie zu gehören…

Filmbild aus „Only I can hear“ gemixt mit dem Bild einer Brücke zwischen zwei Ufern

Zugleich ist die Welt der Gehörlosen und der Stille auch ein Ort, von dem man abstammt und ein Leben lang zehren wird. Als Ashley sich auf den Abschied von zu Hause vorbereitet, um das College zu besuchen, fürchtet sie, sie könnte dort die Gebärdensprache vergessen und den Kontakt zu ihrer Mutter verlieren.

„Only I can hear“ – die Suche nach der eigenen Identität

„Only I can hear“ ist ein leiser Film. Es wird wenig gesprochen, und dadurch umso mehr gesagt. Der Film vermittelt eine Ahnung davon, wie sehr Beziehungen zu anderen Menschen von der Fähigkeit zu hören bestimmt sind und wie grundsätzlich verschieden die Welt der Stille von der Welt des Hörens ist. Als Hörender gewinnt man eine Vorstellung von dieser anderen Welt. (Begriffe wie „andere Sprache“ und „andere Kultur“ greifen eigentlich zu kurz, weil man sie ebenso verwenden könnte, um zwei „hörende“ Sprachen und Kulturen miteinander zu vergleichen.)

Illustration zu einem Beitrag über den Dokumentarfilm „Only I can hear“ auf die-hörgräte.de

„Wir sind irgendwie eine einzigartige Rasse“, erklärt Ashley über ihre Identität als CODA. „Die Erfahrungen, die wir teilen, können nur wir verstehen. Egal, wo auf der Welt du bist, jeder CODA versteht es.“ – Diese Gemeinschaft zeigt „Only I can hear“, indem die Kamera Nyla, Ashley und Jessica in ein CODA-Camp begleitet: Plötzlich das großartige Erlebnis, unter Gleichen und angekommen zu sein, so sein zu dürfen, wie man ist, dazuzugehören – zumindest bis zum Abreisetag.

Ob man sich hin und hergerissen fühlt oder die Welt der Stille als sicheren Ursprung empfindet – CODA zu sein, prägt und begleitet ein Leben lang. Jessica, die dritte der Protagonistinnen, gibt Kurse in Gebärdensprache. Den Kursteilnehmern erzählt sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte: Ein tauber Mann und eine taube Frau heiraten und bekommen ein Mädchen. Doch das Kind kann hören. Die Eltern erklären ihm „Du bist nicht taub und auch nicht hörend, du bist ein CODA.“ Doch das Mädchen versteht nicht. Bis es einen Jungen trifft, der ebenso gebärden und hören kann wie sie. Beide schließen Freundschaft. Sie beginnen sich zu lieben, heiraten und bekommen ein Kind. Doch das Kind ist taub.

Filmbild aus „Only I can hear“ gemixt mit dem Bild einer Brücke zwischen zwei Ufern

PS 1: Die Fotos zum Beitrag über den Film „Only I can hear“ zeigen Filmbilder, gemixt mit Brücken zwischen zwei Ufern. Die Brücken habe ich in Amsterdam fotografiert, dort schreibe ich oft.

PS 2: Der Dokumentarfilm „Only I can hear“ von Regisseur Itaru Matsui mit den drei Hauptdarstellerinnen Nyla Roberts, Ashley Ryan und Jessica Weis ist von 2021 und dauert eine Stunde und 17 Minuten. Du findest ihn zum Beispiel hier – in ASL und Englisch sowie optional mit deutschen Untertiteln.

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PS 3: Von Children of Deaf Adults erzählt auch der US-amerikanische Spielfilm „CODA“, der 2022 sogar den OSCAR für den besten Film gewonnen hat. Irgendwann will ich den hier auch noch vorstellen.


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