Mit den Augen hören

Sehen statt hören, weiter über Hör- und Sehsinn (Teil 2)
Graffito mit Augen, U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße

Sehen statt hören? – Im vorangegangenen Blog-Beitrag ging’s um Hören oder Sehen bzw. um das Verhältnis dieser beiden Sinne. Ich finde das Thema so spannend, dass ich damit weitermache. Was ist mit Leuten, für die Hören oder Sehen keine theoretische Frage ist? Weil sie nämlich nur eines von beiden können – zum Beispiel nur sehen?

Das Loch in der Mauer

Vor einiger Zeit habe ich im Auftrag eines Kunden Werkstätten mit schwerhörigen Kindern und Jugendlichen organisiert. Manchmal waren auch gehörlose oder gut hörende Kinder und Jugendliche dabei. In den Werkstätten ging es um Kunst – und ums Hören. Es gab einen Werkstattraum und jede Menge Materialien. Es ging darum, sich kreativ mit dem Thema Hören bzw. der eigenen Schwerhörigkeit auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse wurden dann in Ausstellungen gezeigt.

Es gab viele tolle, witzige Kunstwerke. Es sind aber auch Arbeiten entstanden, die nicht witzig waren. Mir fällt eine Installation ein. Eine Teilnehmerin Anfang 20 hatte sie gestaltet. Die junge Frau war schwerhörig und brauchte sehr starke Hörgeräte. Auch mit den Geräten war längst nicht alles perfekt. Studium, Alltag, Kontakte – immer, wenn es um Kommunikation ging, war sie durch ihr eingeschränktes Gehör viel mehr gefordert als andere. Es ist anstrengend, wenig zu hören bzw. zu verstehen. Sie musste den Mangel an Gehörtem ständig ausgleichen.

Augen-Graffito Berlin-Kreuzberg

Genau das war Thema dieser Kunst-Installation: eine Welt (eine Fläche aus Hartfaserplatte), und mittenhindurch eine Mauer (aus grauem Schaumstoff; sah ein bisschen aus, wie die Berliner Mauer). Die beiden Flächen bzw. Welten, die diese Mauer voneinander trennte, waren einerseits ihre „äußere Hör-Welt“ und andererseits ihre „innere Hör-Welt“. In der Hör-Welt außen gab es ganz viel: Sprache, Geräusche, Beziehungen, Anforderungen… Und in der „inneren Hör-Welt“ gab es ein kleines Gehirn, das all das von draußen verarbeiten und sich zurechtfinden musste. Das Problem war jedoch die Mauer. Sie war sehr hoch. Und sie hatte nur ein einziges kleines Guckloch, so eine Art Spion. Durch den musste alles von draußen durch, was drinnen gebraucht wurde…

Beobachten und „von den Lippen ablesen“

Sehen statt hören? – Wer nicht gut hören kann, für den ist Sehen umso wichtiger. Menschen mit eingeschränktem Gehör müssen fehlende akustische Informationen über die Augen ausgleichen. Sie sind daher oft gute Beobachter. Und sie können oft von den Lippen ablesen. Diejenigen, die mir davon erzählen, dass sie Lippenlesen können, haben sich das meist selbst beigebracht. Es gibt auch Kurse. Aber meist hatten sie irgendwann einfach begonnen, bei Gesprächen auf die Lippen ihres Gegenübers zu achten. Verstehen ging für sie oft nicht mehr ohne Lippenbild. Auch wenn Lippenlesen Grenzen hat.

Glasaugen im medizinhistorischen Museum Kopenhagen

Viele Laute der gesprochenen Sprache werden nämlich nicht mit den Lippen geformt, sondern im Rachenraum. Dort sind sie natürlich nicht sichtbar. Untersuchungen sprechen davon, dass sich 30 Prozent des Gesagten ablesen lassen. Wenn man weiß, worum es in einem Gespräch geht, erhöht sich der Anteil auf 50 Prozent. Der Begriff Lesen ist da ein bisschen irreführend. Beim Lesen geht‘s ja eher um 100 Prozent. Man spricht deshalb auch vom Lippen absehen.

Die allermeisten Schwerhörigen brauchen kein Lippenbild, wenn sie rechtzeitig gute technische Hilfe bekommen. Ich habe aber auch Leute getroffen, die über sehr lange Zeit kaum noch mit den Ohren, dafür umso mehr mit den Augen gehört haben.

Blatt vor dem Mund

Herr H. zum Beispiel, den ich zusammen mit seiner Frau interviewt habe. Herr H. hat über Jahre eigentlich nicht mehr mit seiner Familie gelebt – obwohl er immer noch bei ihr wohnte. Seine Frau beschrieb mir, wie das war. Er wäre nur noch in seiner eigenen Welt gewesen. Sprach man ihn an, hätte er kaum reagiert. Und wenn Besuch kam, sei er nach zehn Minuten vor die Tür gegangen oder eingeschlafen.

Augen-Graffito Freistadt Christiana

Frau H. konnte sich das anfangs nicht mal erklären. Dass es an der Schwerhörigkeit ihres Mannes liegt, hat sie erst später verstanden. Grund war einfach das Guckloch in der Mauer. Wenn man ständig nur durch ein Guckloch starrt, um die Welt zu begreifen, bekommt man nie genug mit. Man muss sich permanent anstrengen, um überhaupt was mitzubekommen. Und genau das hat Herrn H. fertiggemacht.

Wie schlecht er hört, verstand seine Frau, als sie mit ihm gemeinsam vor einer Ärztin saß, um über eine Versorgung mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reden. Die Ärztin meinte zu ihr: „So, jetzt zeige ich Ihnen mal, was Ihr Mann noch hört.“ Sie wandte sich Herrn H. zu, redete laut und deutlich auf ihn ein, nahm dabei jedoch ein Blatt Papier und hielt es sich vor den Mund. Plötzlich begriff Frau H.: Ihr Mann war taub.

Sehen statt hören – und andere Kanäle

Stark schwerhörige Interview-Partner beschreiben mir immer wieder, welche Perfektion sie im Beobachten entwickelt haben. Manchmal scheint das fast schon wie so ein siebenter Sinn… Herr A. zum Beispiel war früher Manager. Auch die Hörgeräte, die er zu dieser Zeit trug, konnten ihm kaum noch helfen: „Wenn ich Worte nicht verstanden habe, habe ich versucht, mir deren Sinn zu erschließen“, erzählte er mir. „Ich wurde sehr geschickt darin und entwickelte verschiedene Techniken: von den Lippen ablesen, sich gut auf Gespräche vorbereiten, Körpersprache und Mimik wahrnehmen… – Wenn damals jemand mein Büro betrat, konnte ich bereits erahnen, was er wollte. Seitdem höre ich auch mit den Augen.“

Auge, Freistadt Christiania

Ole ist Tänzer. Er hört seit frühster Kindheit mit einem Cochlea-Implantat (CI) und einem starken Hörgerät. Im Interview habe ich ihn gefragt, inwieweit seine Schwerhörigkeit seine Art zu Tanzen mitgeprägt hat. – „Durch das eingeschränkte Hören habe ich bestimmte Fähigkeiten besonders entwickelt. Ich habe eine starke Sensibilität für Gesichtsausdrücke, für alles Nonverbale, was in einem Raum schwebt. Wenn jetzt um uns her viele Leute säßen und einem von ihnen ginge es nicht gut, dann würde ich das physisch nachempfinden können. Beim Tanzen ist all das immens wichtig. Es hilft mir, wahrzunehmen, wo sich die anderen Tänzer im Raum befinden, und zu verstehen, was ein Choreograf will. Denn das kann der oft nicht verbal ausdrücken. Man kommuniziert auf verschiedenen Kanälen.“

Brillenaugen, Amsterdam

PS 1: Als ich Herrn H. interviewt habe, trug er bereits seit längerem zwei Cochlea-Implantate (CI). Mit diesen Implantaten sei er wieder ein ganz anderer Mensch geworden, erklärte seine Frau in dem Gespräch.

PS 2: Die Fotos zum Beitrag über sehen statt hören bzw. das Sehen mit den Augen zeigen wieder jede Menge Augen – aus Berlin-Kreuzberg und Amsterdam, aus dem Medical Museion in Kopenhagen und aus der Freistadt Christiania.


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