
2026 feiert die Schwerhörigen-Selbsthilfe in Deutschland 125jähriges Jubiläum. Gerade habe ich die Aufgabe übernommen, diese 125 Jahre Geschichte in einem Text zusammenzustellen. Es gab nichts, wo man das detailliert nachlesen konnte. Also war die Arbeit wie ein Puzzle-Spiel: Man trägt kleine Teilchen zusammen und baut daraus ein Bild, so gut es geht. Vielleicht waren die Teilchen auch Bauteilchen für eine Zeitmaschine – eine, mit der man in der Zeit zurückfährt. Jedenfalls hätte ich viel länger nach Teilchen suchen können, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte. Hatte ich aber nicht, und auch so war es eine ziemliche Pusselei (oder Puzzelei?). Dafür gibt’s die Tour mit der Zeitmaschine jetzt auch hier als Blog-Artikel.
Schwerhörig? Hörgeschädigt? Gehörlos?
Wer ist eigentlich schwerhörig? Und wer ist gehörlos? Das ist nicht immer leicht zu entscheiden. Ist jemand, der noch ein wenig Geräusche hört, jedoch in der Gebärdensprache aufwächst, gehörlos? Ist jemand, der taub ist, aber mit dem Cochlea-Implantat (CI) hört und lautsprachlich in der Welt der Hörenden lebt, schwerhörig?
Ob jemand als schwerhörig oder gehörlos gilt, hängt nicht nur von audiologischen Messwerten ab, sondern auch von der Zeit und vom Umfeld, in denen man lebt, von den Hörhilfen, die man nutzen kann, von der Förderung, die man erfährt. Letzten Endes ist es oft auch eine Frage der eigenen Identität, die man im Laufe eines Lebens – und mitunter sogar im Laufe eines Tages – unterschiedlich beantworten kann. (Menschen, die taub sind, aber mit Technik hören, können ja z. B. bis zum Nachmittag hören und dann beschließen, den Rest des Tages gehörlos zu sein usw.)
Die Entscheidung, ob jemand schwerhörig oder gehörlos ist, fiel vor 125 Jahren für den Einzelnen oft anders aus, als es heute der Fall wäre: Durch Entwicklungen in Hörtechnik, Medizin, Therapie und Pädagogik, durch die Etablierung von Hörgeräten und Hörimplantaten und durch die Anerkennung der sehr lange unterdrückten Gebärdensprache als eigenständiger Sprache hat sich in 125 Jahren viel verändert.
Nicht hören können: Antike bis Mittelalter
Mit der Zeitmaschine geht’s erstmal bis zum Anschlag zurück: In früheren Jahrhunderten galten auch viele Menschen, die heute als schwerhörig gelten, als taub bzw. „taubstumm“. Sehr einfache technische Hilfsmittel, um ein nachlassendes Gehör zu unterstützen, gab es schon in der Antike, z. B. Tierhörner. Und schon im Mittelalter gab es einzelne Nonnen oder Mönche, die gehörlosen bzw. schwerhörigen Kindern mittels Gebärden zu einer Sprache und zu Bildung verhalfen. Doch das waren Ausnahmen.

Allgemein galt, dass derjenige, der sein Gehör verlor, aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen war. Wer schon von klein an nicht oder nicht ausreichend hören konnte, um Lautsprache zu erlernen, blieb nicht nur von Bildung ausgeschlossen. Er galt auch nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Er war kein vollwertiger Teil der Glaubensgemeinschaft, denn er konnte die kirchlichen Sakramente nicht empfangen. Er konnte sich auch nicht vor Gericht verteidigen. Ohne jede geeignete Förderung galten diese Menschen nicht nur als „taubstumm“. Man hielt sie auch für „dumm“. Worte wie das englische „deaf“ (taub) und das deutsche „doof“ haben einen gemeinsamen Ursprung. Oft lebten diese Menschen in völliger Abhängigkeit vom Wohlwollen ihrer guthörenden Mitmenschen.
Nicht hören können: die Zeit der Aufklärung
Die Zeit der Aufklärung und der Beginn der bürgerlichen Gesellschaft verändern auch die Sicht auf jene Menschen, die nicht hören bzw. keine Lautsprache verstehen können. In Paris, der Hauptstadt der Aufklärung, werden im Zuge der Französischen Revolution 1789 allen die Menschen- und Bürgerrechte zuerkannt – auch denen, die nicht hören können. Bereits 1771 hatte Abbé Charles-Michel de l’Epée, der „Vater der Gebärdensprache“, in Paris die weltweit erste Schule für Taubstumme gegründet. 1778 gründet Samuel Heinicke das erste deutsche Taubstummen-Institut, und er setzt – anders als de l’Epée – nicht primär auf Gebärden, sondern vor allem auf Lautspracherwerb und Mundabsehen. Es ist der Beginn des „Methodenstreits“, der zwei Jahrhunderte anhalten wird – mit schlimmen Folgen für viele hörgeschädigte Menschen.
Zugleich ist die Zeit der Aufklärung auch ein Zeitalter medizinisch-technischer Entwicklung. Aberglauben und mittelalterliche, völlig unsinnige und oft grausame Behandlungsmethoden für „Taubstumme“ werden hinterfragt. Im frühen 19. Jahrhundert werden in England und weiteren Ländern mechanische Hörhilfen entwickelt und erstmals serienmäßig hergestellt. Mit der Erfindung der Batterie bzw. der Voltaschen Säule (1801) entsteht die Idee, das Gehör elektrisch zu stimulieren – eine Idee, die etwa 180 Jahre später zur Cochlea-Implantat-Therapie führen wird.
In vielen Orten in Deutschland und Europa eröffnen nun „Taubstummenanstalten“, in denen Kinder unterrichtet werden – je nach Methodik des Pädagogen mit oralistischer bzw. deutscher oder gebärdensprachlicher bzw. französischer Methode oder auch mit einer Mischung aus beidem. Wie viele dieser Kinder taub oder – im heutigen Sinne – schwerhörig waren, kann man nur vermuten. Im Zuge der neuen Pädagogik rücken hörgeschädigte Menschen stärker ins Licht der Öffentlichkeit. Sie werden immer noch ausgegrenzt. Aber sie gelten in zunehmendem Maße als bildungsfähig. Sie erlernen einfache Berufe.
Beethoven, Taubstummenlehrerkongress und Elektrizität
Mit Ludwig van Beethoven stirbt 1827 ein gefeierter und früh ertaubter Komponist. Er ist nicht der einzige Komponist der Zeit, der erfolgreich Musik geschaffen hat, ohne sie selbst hören zu können; Bedřich Smetana und Gabriel Fauré sind weitere Beispiele. Das Bild vom „gehörlosen Genie“, das sich die Öffentlichkeit vom hörgeschädigten Menschen Beethoven machte, ist jedoch vor allem eine Idealisierung durch guthörende Menschen.
Ein gutes Vierteljahrhundert später (1853) wird in Dresden Margarethe von Witzleben geboren. Sie ist nicht so berühmt wie Beethoven, aber umso wichtiger für 125 Jahre Schwerhörigen-Selbsthilfe. Denn sie wird später die Begründerin dieser Bewegung. Margarethe von Witzleben hört als Kind noch gut. Ab ihrem 12. Lebensjahr verschlechtert sich ihr Hörvermögen zunehmend. Sie ist vielfältig sozial engagiert. Ihr Hörverlust wird zum Ausgangspunkt ihres Engagements für schwerhörige Menschen.

1880 treffen sich die gut hörenden Taubstummenlehrer beim Internationalen Taubstummenlehrerkongress in Mailand und entscheiden den „Methodenstreit“. Fortan ist in den „Taubstummenanstalten“ offiziell nur noch die Lautsprachmethode erlaubt und Gebärdensprache verboten. Gehörlose und schwerhörige Taubstummenlehrer werden entlassen.
Etwa zugleich beginnt das Zeitalter der Elektrifizierung. Mit Erfindungen wie dem Kohlemikrofon oder dem Telefon werden auch entscheidende Voraussetzungen für die spätere Entwicklung elektrischer Hörgeräte geschaffen. Technik-Pioniere wie der schwerhörige Thomas Alva Edison oder der Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell sind zugleich Wegbereiter für die Entwicklung elektrischer Hörhilfen.
Beginn der Schwerhörigen-Selbsthilfe: ein Gottesdienst
Die Zeitmaschine hat das Jahr 1901 erreicht, steht also genau vor 125 Jahren bzw. am Anfang der Schwerhörigen-Selbsthilfe. An diesem Anfang organisiert Margarethe von Witzleben in Berlin die erste Gemeinschaft für schwerhörige und ertaubte Menschen. Genau genommen ist das erste Treffen am 26. Mai 1901 ein evangelischer Gottesdienst, der – auch wegen der besseren Akustik – in der Berliner Wohnung Margarethe von Witzlebens in der Tieckstraße 17 stattfindet – mit zwölf Teilnehmern und einem Pastor. Drei Jahre später gibt es 46 regelmäßige Teilnehmer, zum weiteren Kreis zählen 157 Personen.
Eine Zeitzeugin berichtet über die Treffen des Kreises: „…ich war eine der Ersten, die sich zu demselben meldeten. Anfangs berührte es mich allerdings recht wehmütig, mich bei diesen Andachten umgeben zu sehen von so vielen Leidensgenossen. Der Anblick all der auf den Prediger gerichteten Gehörrohre störte mich zunächst, jetzt aber freue ich mich zu beobachten, wie dankerfüllt der Ausdruck der Andächtigen ist, wenn die Worte der Predigt sie treffen. Selbst solche Leidende, die sich bei der Unterhaltung noch ohne Rohr verständigen können, greifen hier zu dem nützlichen Hilfsmittel, damit ihnen ja kein Wort entgeht…hier brauchen wir uns nicht wie in der Kirche nur mit Brosamen, die von des Herrn Tische fallen‹ zu begnügen, nein, hier wird mir jedes Mal ein ganzes Brot gereicht, und ich zehre lange daran! Das gibt dann Kraft, unser Leiden nicht nur geduldig, sondern auch fröhlich zu ertragen, weil wir wissen und erfahren haben, dass Sein Joch sanft und Seine Last leicht ist. Die Hephata-Gemeinder, wie wir uns gern nennen, ist über das ganze große Berlin zerstreut, denn aus allen Gegenden und auch aus den Vororten finden sich die Schwerhörigen in dem lieben Andachtszimmer, im Norden unserer Stadt, zusammen. Wir scheuen weder die Unbequemlichkeit des weiten Wegs, noch schlechte Witterung, wir fahren treu und regelmäßig nach der Tieckstraße Nr. 17, denn uns treibt der Hunger nach der lang entbehrten Verkündigung des Worts, denn – es mag ja wunderbar erscheinen – eine gehörte Predigt prägt sich doch tiefer in die Seele als eine gelesene.“ (M. B. in einem Brief 1906)
Aus diesen Treffen entsteht die evangelische „Hephata-Gemeinde“ und in der Folge die „Hephata-Bewegung“ – zugleich der Beginn der Schwerhörigenbewegung in Deutschland.
„Tu dich auf!“ – das eigene Leben selbsttätig verbessern
Der Name „Hephata“ (lat. „Tu dich auf!“) stammt aus der biblischen Erzählung von der Heilung eines tauben Mannes durch Jesus: „Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hephata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.“ (Markus 7:31-37)

Vielleicht fällt es schwer, sich vorzustellen, warum damals vor allem die Teilhabe am Gottesdienst so wichtig war. Religion spielt für viele heute nicht mehr die Rolle. Für die Mitglieder dieses Kreises war die Glaubensgemeinschaft jedoch auch seelische Unterstützung – also vielleicht wie eine Therapie.
Entscheidend ist, dass damals erstmals schwerhörige und ertaubte Menschen zusammenfanden, um ihre Situation selbsttätig zu verbessern. Neben der Teilhabe am Gottesdienst geht es auch um „gegenseitiges Stützen, Heben und Tragen der gemeinschaftlichen Last“ (M. von Witzleben) im alltäglichen Leben. Diese Unterstützung gilt auch schwerhörigen Menschen aus sozial schwachen Familien. Andererseits grenzt man sich auch ab: Der Kreis bleibt ausschließlich Angehörigen der evangelischen Konfession vorbehalten und entspricht in seiner Ausrichtung dem konservativen Weltbild von Margarethe von Witzleben und den anderen Initiatoren – er erhebt z. B. keine politischen Forderungen. Und da die Angebote nur auf schwerhörige Menschen zielen, bleiben gehörlose Besucher dem Kreis bald fern.
Schwerhörigkeit und Technik: Hörrohre und erste Hörgeräte
Wie schwerhörig waren die Schwerhörigen, die dem Witzleben-Kreis treu blieben? Wenn man bedenkt, welche Technik ihnen zur Verfügung stand, um ihren Hörverlust auszugleichen? Es gab Hörrohre. Bis sich elektrische Hörhilfen durchsetzen, dauert es noch lang.
Miller Reese Hutchinson, ein langjähriger Mitarbeiter von Edison, meldet im gleichen Jahr, in dem sich der Witzleben-Kreis erstmals trifft, den ersten tragbaren Hörapparat zum Patent an. Bald darauf beginnt er, diesen zu vermarkten. Sein “Acoustikon” wiegt zwölf Kilo und wurde in Europa zuerst von der dänischen Prinzessin Alexandra, Frau des englischen Königs Edward VII. genutzt. Hutchinson gilt als „Vater der Hörgeräte-Industrie“. Eigentlicher Erfinder elektrischer Hörapparate war jedoch der Berliner Ohrenarzt Dr. Louis Jacobson mit einem Patent von 1879.
Mit der Deutschen Akustik Gesellschaft mbH beginnt 1905 in der Berliner Motzstraße der erste Hörgeräte-Hersteller Europas mit der serienmäßigen Fertigung von elektrischen Hörgeräten. Bis sich Hörgeräte allgemein durchsetzen, wird es jedoch noch Jahrzehnte dauern. 1907 stellt die Deutsche Akustik dem Witzleben-Kreis ein Hörgerät zur Probe zur Verfügung. Es kann dort nicht überzeugen.

Aber es gibt immer mehr Hörgeräte-Hersteller. Einer davon ist die Firma Siemens & Halske, die im Wernerwerk in Berlin-Spandau vorrangig Telefone baut. S & H fertigt wenig später auch Hörgeräte mit Knochenleitung sowie Vielhörer- bzw. Mikrofonanlagen, die von Schwerhörigengruppen genutzt werden. Und das Unternehmen setzt nicht nur auf Produktentwicklung, sondern auch auf geschulte Verkäufer – in gewisser Weise sind sie Vorläufer für das spätere Handwerk des Hörgeräteakustikers.
Absehkurse, Teeabende, Öffentlichkeitsarbeit und Sommerfrische
Doch zurück zur Schwerhörigen-Selbsthilfe: Mit der Zeitschrift „Hephata“ erscheint 1905 unter Margarethe von Witzlebens Führung die erste Zeitschrift für schwerhörige Menschen. Zudem organisiert sie erste „Absehkurse“, in denen Schwerhörigen das Absehen des Mundbildes vermittelt wird. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Dionys Reinfelder, der spätere Leiter der Berliner Schwerhörigenschule, den Schwerhörigen Verein Berlin gegründet. Und 1909 gründen Margarethe von Witzleben und ihre Mitstreiter den „Hephata-Verein“.
Die regelmäßigen Gottesdienste werden nun in einem kleinen Saal der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche abgehalten. Auch erste Schriftdolmetscher gibt es: Zwei Damen schreiben die Predigten nach und die Mitschriften zirkulieren. Zum Vereinsleben gehören zahlreiche Aktivitäten: Tee- und Schachabende, Sprechstunden, Lesungen, Ausflüge, Lesenachmittage für schwerhörige Kinder, Öffentlichkeitsarbeit und das Einwerben von Spenden. Eine Villa ihrer Familie in Wernigerode stellt Margarethe von Witzleben als Erholungsheim zur Verfügung.
In den darauffolgenden Jahren entstehen auch an vielen anderen Orten in Deutschland Vereine schwerhöriger, lautsprachlich orientierter Menschen. Beispiele sind etwa Dresden, Stuttgart und Wiesbaden (1911), Hamburg (1912), Essen (1918), Dortmund und Weimar (1925), Köln (1928). Ähnlich wie in Berlin bieten die Vereine – oft mit Unterstützung eines örtlichen Pastors – hauptsächlich gottesdienstliche Feierstunden und Sondergottesdienste an – und damit seelische Betreuung. Sie stehen somit auch für den Beginn der Schwerhörigenseelsorge.
Weitere Angebote und Aktivitäten sind: Absehkurse, Sprechstunden und Vorträge, Büchereien, Öffentlichkeitsarbeit und Wohltätigkeitsveranstaltungen, Sammlungen und Basare, Vergünstigungen, Hilfe in wirtschaftlicher Not, Vermittlung von Arbeitsstellen, kulturelle Angebote und Ferienfreizeiten (Sommerfrische), Jugendgruppen, Vereinsheime, Anschaffung transportabler Vielhörer- und Mikrofonanlagen, Beratung zu Hörrohren und anderen mechanischen Hörhilfen, Vorführung von Hörapparaten oder auch Auseinandersetzungen mit betrügerischen Anbietern untauglicher Hörapparate und unwirksamer Medikamente.
Soziale Neuerungen und ein überregionaler Bund
Es ist eine Zeit großer Veränderungen und Umbrüche. Die Automobilindustrie entsteht, der Südpol wird „erobert“, die Titanic sinkt und der erste Weltkrieg beginnt… Soziale Bewegungen haben auch Auswirkung auf Menschen, die nicht bzw. schlecht hören.
1911 wird in Deutschland die Schulpflicht für „taubstumme“ Kinder eingeführt; für Kinder, die hören können, besteht diese schon seit 100 Jahren und länger (z. B. in Preußen bereits seit 1717). Zudem gibt es Bemühungen zur Etablierung spezieller schulischer Angebote für schwerhörige Kinder – etwa durch „Nebenklassen“ in „Taubstummenschulen“ oder auch gesonderte Schulen. So wird z. B. 1907 die erste Berliner Schwerhörigenschule eröffnet, die heutige Witzlebenschule. Und 1916 gibt es in Deutschland erstmals offizielle Merkmale zur Feststellung einer Behinderung. Mit den sogenannten „Anhaltspunkten“ können Ärzte Gutachten erstellen. Später werden diese Merkmale weiterentwickelt. Sie sind Ausgangspunkt für die „versorgungsmedizinischen Grundsätze”, anhand derer heute der „Grad der Behinderung” (GdB) festgelegt wird.

Die „Hephata-Vereine“ schließen sich 1914 zu einem überregionalen Bund zusammen – dem „Hephata-Bund“. Dem gehören zu diesem Zeitpunkt sechs Vereine und 20 Gemeinden an. Als Margarethe von Witzleben drei Jahre später stirbt, haben sich bereits vielerorts in Deutschland Strukturen der Schwerhörigen-Selbsthilfe etabliert, auch wenn sie keinesfalls alle dem „Hephata-Bund“ angehören.
„Goldene Zwanziger“ – Arbeitslosigkeit und Kino
Die „Goldenen Zwanziger“ sind eine schwierige Zeit: Arbeitslosigkeit, Kriegsversehrte, Attentate auf Politiker, Putschversuche, Hyperinflation…
In der noch jungen Weimarer Republik beschließt der Reichstag 1923 – auch mit Blick auf die vielen kriegsgeschädigten Menschen des 1. Weltkrieges (1914-1918) – das “Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter“. Es soll behinderten Menschen den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern: Jeder Arbeitgeber, der einen Arbeitsplatz besetzen will, wird verpflichtet, einen schwerbeschädigten und ebenso geeigneten Bewerber anderen Bewerbern vorzuziehen. – Im gleichen Jahr muss die Bundestätigkeit der Schwerhörigen-Vereine infolge der Inflation eingestellt werden, 1925 wird sie wieder aufgenommen.
Die „Goldenen Zwanziger“ sind auch die Blütezeit für ein neues Massenmedium: das Kino. Überall entstehen immer noch größere Lichtspieltheater – allein in Deutschland gibt es 1927 etwa 4.300. Doch Ende der 1920er Jahre geht die Etablierung des Tonfilms für gehörlose und schwerhörige Menschen mit einem Verlust an kultureller Teilhabe einher. Zuvor hatte ihnen das Stummfilm-Kino ermöglicht, ein modernes Massenmedium gleichberechtigt mit dem guthörenden Publikum zu rezipieren. Etwa zur gleichen Zeit wird die Induktionsschleife entwickelt.
Ein besonderer (Stumm-)Film wird 1932 in Berlin uraufgeführt: Der Dokumentarfilm „Verkannte Menschen“ ist ein Aufklärungsfilm, der in Kooperation des 1927 gegründete Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschlands (ReGeDe) und der UFA entstand. Der mit Spendengeldern finanzierte Film zeigt die Gemeinschaft und die vielfältigen Potentiale gehörloser Menschen, die zur damaligen Zeit in besonderer Weise von hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind. 1934 wird der Film von den Nationalsozialisten verboten.
Schwerhörigenbewegung „gleichgeschaltet“ – Nazis und Opfer der Nazis
Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Wahlen gewonnen und die Macht übernommen haben, zerstören sie alle demokratischen Strukturen der Weimarer Republik. Die progressiven Entwicklungen zur Unterstützung behinderter Menschen enden. Vereine und bürgerliche Initiativen werden „gleichgeschaltet“. Alle Schwerhörigen-Vereine werden im Reichsbund der deutschen Schwerhörigen zusammengefasst, der – ebenso wie der ReGeDe – der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) unterstellt wird. Jüdische Menschen und politische Gegner werden ausgeschlossen. Andererseits sind auch viele hörgeschädigte Menschen Anhänger der Nazis.
Ab 1934 erscheint die Zeitschrift „Der Kämpfer“ als zentrales Medium des Reichsbundes der deutschen Schwerhörigen. 1937 zählen zum Reichsbund 102 Ortsvereine mit insgesamt 6.839 Mitgliedern; sie sind bis zum Ende des Nationalsozialismus in sogenannten Gauen, den regionalen Verwaltungseinheiten der NSDAP, zusammengefasst.
Vom „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 bis zur “Tötung unwerten Lebens” ist es für die Nazis nur ein kleiner Schritt. Bei der sogenannten „Aktion T4“ werden mehr als 70.000 behinderte Menschen ermordet, zudem werden viele hörgeschädigte jüdische Menschen Opfer des Holocaust. Bis zum Ende ihrer Herrschaft werden etwa 400.000 Menschen mit Behinderung zwangssterilisiert, darunter geschätzte 16.000 gehörlose Menschen.

PS 1: Die Bilder zum Beitrag zeigen die erste Gemeinschaft für schwerhörige und ertaubte Menschen um Margarethe von Witzleben beim Gottesdienst mit Hörrohr; das Foto am Schluss habe ich in Frankfurt/Main aufgenommen: der Stolperstein für Johanna Wronker, eine ehemalige Schülerin der Frankfurter Taubstummenerziehungsanstalt. Die Zitate aus dem Witzleben-Kreis stammen aus „Auch einsame Seelen können sehr glücklich werden. Aus dem Leben der schwerhörigen Margarethe von Witzleben“ von Hartwig Claußen und Uta Dörfer von 2001.
PS 2: In letzter Zeit komme ich seltener zum Blog-Schreiben. Dafür werden die Artikel länger; und ehrlich gesagt ist mir ziemlich egal, was der Google-Algorithmus davon hält. Die 125 Jahre Schwerhörigenbewegung sind so lang, dass ich sie zweiteile. Der zweite Teil dann demnächst.
PS 3: Die Stationen der Geschichte von 125 Jahre Schwerhörigenbewegung in Deutschland habe ich im Auftrag des Deutschen Hörverbandes (DHV) zusammengetragen – wohl wissend, dass es Punkte geben kann, die aufgrund der begrenzten Recherchemöglichkeiten nicht berücksichtigt wurden. Über die Zusendung von sachdienlichen Hinweisen, Ergänzungen, historischen Fotos und Materialien würden ich mich sehr freuen: martin.schaarschaarschmidt@berlin.de

