Akustische Gewalt (4)

Über Kriegslärm und Schallgeschwindigkeit, Überschall und Hyperschall
Räume einer verlassenen Kaserne der sowjetischen Armee bei Havelberg

Es ist Krieg und die russische Armee soll bereits Hyperschallraketen eingesetzt haben, sagen Experten. Andere Experten meinen, dass es gar keine Hyperschallraketen sind, oder dass es welche sind, ihr Einsatz jedoch unverhältnismäßig sei, oder dass es Russland nur darum geht, dem Westen zu zeigen, dass man Hyperschallraketen hat, oder den Westen zumindest glauben zu lassen, dass man sie hätte. Wenn der Westen glaubt, man hätte diese Waffen, wäre das wirkungsvoller als die tatsächliche Verwendung von Raketen mit x-facher Schallgeschwindigkeit…

Waffen mit Überschallgeschwindigkeit

Jeder Krieg hat einen eigenen Klang. Wenn Krieg kam, hörte man, wie er sich nähert. Es sei denn, die Waffen sind schneller als ihr Schall: „Die Vorstellung einer Rakete, die man erst kommen hört, nachdem sie explodiert ist. Die Umkehrung! Ein Stückchen Zeit, fein säuberlich herausgeschnitten … ein paar Meter Film, die rückwärts ablaufen … der Einschlag der Rakete, die mit Überschallgeschwindigkeit herabgestürzt ist – und dann erst wächst aus ihm heraus das Heulen ihres Sturzes, holt ein, was längst schon tot ist und brennt … ein Geist am Himmel …“

Räume einer verlassenen Kaserne der sowjetischen Armee bei Havelberg

Das Zitat stammt aus Thomas Pynchons Roman „Gravity’s Rainbow“ (Die Enden der Parabel), in dem sich alles um das Ende des Dritten Reichs und um die V2 dreht. Die Fernrakete A4 (V2), die die Nazis ab 1942 einsetzten, zog ihre gespenstische Wirkung auch aus der Tatsache, dass sie sich ihren Zielen fast geräuschlos näherte – vorausgesetzt, dass ihr Start überhaupt glückte… Mit 5.500 km/h erreichte sie erstmals Hyperschallgeschwindigkeit.

Schallgeschwindigkeit und Überschall

Schall ist nicht sehr schnell. Zumindest dann nicht, wenn er sich in Luft ausbreitet. Vor ca. 400 Jahren ermittelte der französische Mathematiker Marin Mersenne erstmals die Schallgeschwindigkeit – mit einer Kanone. Er maß die zeitliche Differenz zwischen dem Aufblitzen des Schusses und dem Ertönen des Donners. Heute weiß man, dass Schall in 20 Grad warmer Luft etwa 343 Meter pro Sekunde zurücklegt.

Ist etwas schneller als Schall in der Luft unterwegs, so wird die Luft vor diesem etwas – z. B. vor einer Peitschenspitze – derart zusammengepresst, dass sie sich nicht gleich wieder ausdehnen kann. Durch diese Überschallgeschwindigkeit wird der Druck vor diesem etwas (z. B. der Peitschenspitze) immer höher. Es entsteht ein Bereich, in dem die Luft derart verdichtet wird, dass eine Druckwelle entsteht. Trifft diese Welle auf unser Ohr, dann hören wir den plötzlichen Druckanstieg als Knall.

Illustration zu einem Beitrag über Kriegslärm und Schallgeschwindigkeit auf die-hörgräte.de

Flugzeuge, die mit Überschall fliegen, sind beim Durchqueren der verdichteten Luft plötzlich einem deutlich höheren Widerstand ausgesetzt. Früher kam es zu heftigen Erschütterungen, mitunter ging ein Flugzeug dabei sogar zu Bruch. Deshalb sprach man von einer Schallmauer. Die „Mauer“ ist für heutige Konstruktionen jedoch kein Problem mehr.

Schall, Überschall, Hyperschall

Die Schallgeschwindigkeit entspricht Mach 1. Was darüber liegt, ist Überschallgeschwindigkeit. Von Hyperschall spricht man, wenn die 5-fache Schallgeschwindigkeit, also Mach 5, überschritten wird. Viele grundlegende Fragen zur Hyperschallgeschwindigkeit wurden – ohne dass man den Begriff schon verwendete – bereits bei der Entwicklung der V2 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde bearbeitet. Auch der erste Hyperschall-Windkanal wurde hier konzipiert.

Hyperschallraketen fliegen mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit über weite Strecken. Das können Interkontinentalraketen auch; aber die fliegen erst in den Weltraum und stürzen dann auf ihr Ziel herab. Sie sind dabei über Mach 20 schnell, lassen sich dann jedoch kaum noch steuern. Hyperschallwaffen hingegen fliegen flacher und lassen sich besser steuern. Das soll ihr entscheidender Vorteil sein.

Illustration zu einem Beitrag über Kriegslärm und Schallgeschwindigkeit auf die-hörgräte.de

Wie gesagt, wird schon fast 100 Jahren versucht, solche Waffen zu entwickeln. Ihre Herstellung ist sehr aufwändig; es ist nicht mal sicher, dass sie anderen Raketen tatsächlich überlegen sind. Russland und China sollen sie vor allem deshalb entwickeln, weil sie mit diesen Raketen den Raketenschutzschild der Amerikaner überwinden könnten. Zumindest könnten sie sagen, dass sie es könnten.

Waffen jenseits der „Schallmauer“

Ob es die Hyperschallrakete tatsächlich gibt oder nicht – es bleibt absurd, sterben zu sollen, nur weil das irgendwem ins Kalkül passt. Keine neue Technologie macht aus Kriegen bessere Kriege. Auch dann nicht, wenn man das Blut nicht mehr sieht und den Schuss nicht mehr hört. Und der reale, schwer zu begreifende Krieg ist blutig und nicht lautlos:

Allein aus Afghanistan und dem Irak kamen 70.000 GIs mit Tinnitus zurück, 58.000 hatten solche Hörschäden, dass sie ihren Dienst danach nicht mehr ausführen konnten. Und Gehörschutz ist bei den Soldaten nicht populär. Sie fürchten nämlich, dass sie mit diesem Schutz nicht schnell genug reagieren könnten. Im Krieg bleibt gutes Hören überlebenswichtig.

Illustration zu einem Beitrag über Kriegslärm und Schallgeschwindigkeit auf die-hörgräte.de

PS: Die Fotos zum Beitrag über Kriegslärm und Schallgeschwindigkeit zeigen Räume einer verlassenen Kaserne der sowjetischen Armee in der Nähe von Fürstenberg/Havel.


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