
Weiter geht’s mit der Zeitmaschine durch 125 Jahre Schwerhörigenbewegung in Deutschland. Im ersten Teil des Artikels kamen wir bis „Stunde Null“; bleiben noch 80 Jahre. Heute wird viel von Zukunft geredet, Begriffe wie „Tradition“ wirken eher verstaubt. Bei einem Jubiläum wie dem von 125 Jahren Schwerhörigenbewegung geht es um viel Tradition – und man könnte befürchten, dass dabei viel Staub aufgewirbelt wird. Ich denke aber, Tradition ist besser als ihr Ruf, wenn man gut mit ihr umgeht. Dann ist sie auch wichtig für die Zukunft. Aber: „Tradition muss man leben und gestalten.“ Und: „Tradition soll ein Sprungbrett sein, kein Ruhekissen.“ Und: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“
Stunde Null und Schwerhörigenbewegung
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs (1939-1945) und der Niederschlagung der Nazis wurden alle nationalsozialistischen Organisationen von den Alliierten verboten, auch der Reichsbund der Deutschen Schwerhörigen. Die Schwerhörigenbewegung wird in den Nachkriegsjahren zuerst in lokalen sowie in neuen regionalen Strukturen fortgesetzt bzw. neu aufgebaut (z. B. durch die Gründung des Landesverbandes NRW 1947). Diese sind nun politisch und konfessionell neutral.
Als Reaktion auf die Schrecken des Krieges verabschieden die 1945 gegründeten Vereinten Nationen (UNO) 1948 die UNO-Menschenrechte. Artikel 1 besagt: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen. – Auch für schwerhörige Menschen ist dieser Artikel wichtig; ebenso das Grundgesetzt, das die Regierung der Bundesrepublik Deutschland im Folgejahr beschließt: Niemand darf aufgrund seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seiner Religion, seiner politischen Haltung benachteiligt werden (Artikel 3, Absatz 3).
In der BRD wird im April 1949 der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB) gegründet, der in der Tradition der 1901 von Margarethe von Witzleben begonnenen Schwerhörigenbewegung steht, diese fortführt und ausbaut. Der DSB zählt damit zu den ältesten Selbsthilfeorganisationen in Deutschland. Zu den Angeboten, die der DSB und die ihm angeschlossenen Strukturen in den nachfolgenden Jahrzehnten etablieren, zählen insbesondere: die Beratung in vielfältigen sozialen sowie in technischen Fragen, Unterstützung bei der Rehabilitation, Erfahrungsaustausch, Seminare und Tagungen, Freizeitangebote. Neben Aktivitäten der Öffentlichkeitsarbeit gibt es zunehmend auch politisches Engagement. Die Hörmittelberatung wird ab den 1960er Jahren zu einem Großteil durch die Beratung beim Hörgeräteakustiker abgelöst. Wichtige Aspekte bleiben etwa die Forderung nach Induktionsanlagen in öffentlichen Einrichtungen oder die Unterstützung durch Schriftdolmetscher. Seit der Gründung des DSB erscheint die Zeitschrift „Schwerhörige und Spätertaubte“, später bis 2010 „DSB-Report“.
Schwerhörigenbewegung in den 1950er und 1960er Jahren
Ab Anfang der 1950er Jahre, zur Zeit des „Wirtschaftswunders“, etablieren sich allmählig elektrische Hörgeräte. Und sie werden leistungsfähiger und kleiner. Es gibt erste Geräte mit Transistoren. Doch auch jetzt profitieren noch längst nicht alle Menschen von dieser Technik. Hochgradig hörgeschädigte Kinder zum Beispiel versorgte man zu dieser Zeit kaum mit Hörgeräten.

Anders als in der BRD durfte es in Ostdeutschland lange keine Verbände im sozialen Bereich geben. Doch nach langem Drängen vieler gehörloser Menschen wird 1957 in der DDR der Allgemeine Deutsche Gehörlosenverband (ADGV) gegründet. In einigen großen Städten zählten auch schwerhörige Menschen von Anfang an zu den Mitgliedern. Vier Jahre nach Gründung wird entschieden, dass auch offiziell schwerhörige DDR-Bürger dem ADGV beitreten dürfen. 1973 wird der Verband zum Gehörlosen- und Schwerhörigen-Verband der DDR (GSV) umbenannt. Bis zu Wende und Wiedervereinigung sind gehörlose und schwerhörige DDR-Bürger in einem gemeinsamen Verband, regional unterteilt nach den 15 DDR-Bezirken.
Die Hörgeräte-Technik entwickelt sich immer weiter: Mitte der 1960er Jahre gibt es Hörgeräte, die nicht mehr in der Tasche getragen werden, sondern hinter dem Ohr sitzen. 1966 gibt es sogar das erste Im-Ohr-Hörgerät. Und im Westen Deutschlands entsteht ein neuer Berufszweig: das Gesundheitshandwerk des Hörgeräteakustikers (später Hörakustiker). Es übernimmt auch viele technische Beratungsleistungen („Hilfsmittelberatung“), die man bislang nur in den Strukturen des DSB bekommen konnte. In der DDR gibt es diesen Beruf bis zur Wiedervereinigung nicht. Die Abgabe von Hörgeräten erfolgt hier durch Hörmittelberater in medizinischen Einrichtungen (Polikliniken).
1970er und 1980er Jahre: Selbsthilfe und das Cochlea-Implantat
In den 1970er und 1980er Jahren erstarkt in der BRD allgemein die Selbsthilfe. Es entstehen zahlreiche neue Strukturen für unterschiedlichste Menschen und Themen. Es gibt erste Forschungsprojekte zur Selbsthilfe und in den 1980ern erste Selbsthilfekontaktstellen. Mitte der 1980er Jahre beginnt auch die Bundespolitik, sich aktiv mit der Selbsthilfebewegung auseinanderzusetzen. In Ostdeutschland durfte es vergleichbare Formen gemeinschaftlicher Selbsthilfe offiziell nicht geben, in gesellschaftlichen Nischen – etwa mit kirchlicher Unterstützung – gab es sie jedoch auch hier.
Zugleich gibt es einschneidende Entwicklungen in der Medizintechnik: In den 1960er bis 1980er Jahren arbeiten an verschiedenen Orten in Europa, den USA und Australien kleine Forschergruppen aus Physikern, Elektroingenieuren und Ärzten an der Entwicklung des Cochlea-Implantats (CI). Erste Versuche mit Patienten hatte es bereits in den 1950er Jahren in Paris gegeben. In Deutschland entwickeln Fritz Zöllner und Wolf-Dieter Keidel in den 1960er Jahren Ideen für diese Innenohrprothese weiter. Wichtige Vertreter dieser „CI-Forscherszene“ sind später etwa Graeme Clark, Erwin und Ingeborg Hochmair und Blake Wilson. Experimentelle CI-Versorgungen gibt es in den späten 1980er Jahren u. a. auch in der DDR an der Ostberliner Charité.
An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) versorgt der CI-Pionier Ernst Lehnhardt erste Patienten mit einem serienmäßig hergestellten Mehrkanal-Cochlea-Implantat. Jenseits experimenteller Medizin beginnt damit die CI-Therapie in Deutschland und Europa: Spätertaubte erwachsene Patienten können mit dem CI in die Welt des Hörens und der Lautsprache zurückkehren. Ab Ende der 1980er Jahre werden auch gehörlos geborene sowie ertaubte Kinder mit dem CI versorgt. Die CI-Versorgung der Kinder stößt anfangs auf große Skepsis und starke Kritik – insbesondere von Seiten gehörloser, gebärdensprachlich ausgerichteter Menschen.

In Hamburg findet 1985 der Internationale Kongress über Gebärden in Erziehung und Bildung Gehörloser statt. Hier stellt Siegmund Prillwitz fest: „Die Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache, wie die Lautsprache.” – In der Pädagogik beginnt ein Prozess der Auseinandersetzung mit der nach wie vor üblichen oralistischen Methodik.
Im Zuge der ersten CI-Implantationen in Hannover gründen 1987 CI-Träger gemeinsam mit Professor Lehnhardt die Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e. V. (DCIG). Im Jahr darauf erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift „Schnecke“. Anliegen der DCIG ist zum einen die gegenseitige Unterstützung, zum anderen auch die Etablierung der neuartigen Therapie. In der Folge entstehen zahlreiche CI-Gruppen und weitere lokale und regionale Strukturen der CI-Selbsthilfe, die oft auch vielfältig mit anderen Strukturen der Hörschädigten-Selbsthilfe in Kontakt treten und sich gemeinsam engagieren. Das Verhältnis zwischen einerseits CI-Trägern und andererseits schwerhörigen Mitgliedern des DSB ist anfangs jedoch oft distanziert. – Können Menschen, die eigentlich taub sind, jedoch mit Technik hören, Teil der Schwerhörigenbewegung sein? – Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Zum damaligen Zeitpunkt halten es Experten für ausgeschlossen, dass ein Mensch auf einem Ohr ein Hörgerät und auf dem anderen ein CI nutzen kann.
Schwerhörigenbewegung und Zeit nach der Wiedervereinigung
Im Zuge von Mauerfall und bevorstehender Wiedervereinigung Deutschlands entscheidet der Gehörlosen- und Schwerhörigen-Verband der DDR (GSV) 1990 auf einem außerordentlichen Kongress, unter einem gemeinsamen Dach zwei rechtlich unselbständige Strukturen zu gründen: den Bund der Gehörlosen und den Bund der Schwerhörigen. Letzterer schließt sich im Jahr darauf dem Deutschen Schwerhörigenbund (DSB) an.
Auch in der Hörtechnik gibt es wichtige Weiterentwicklungen: In den 1990er Jahren zieht die Digitalisierung in den Alltag ein – und das nicht nur in Gestalt von Personal-Computern oder Spiele-Konsolen. Auch Hörgeräte werden digital. Immer leistungsfähigere Chips ermöglichen es, den Schall nicht nur zu verstärken, sondern auch immer besser zu verarbeiten. Digitale Verarbeitung gibt es bald auch in Hörimplantaten. Bei Hörgeräten – und ab den 2000er Jahren auch bei Hörimplantaten – setzt sich die beidseitige Hörversorgung durch. In den 2000er Jahren kommen zudem erste Hörgeräte auf den Markt, bei denen sich linke und rechte Seite via Bluetooth miteinander austauschen.
Die CI-Versorgung wird ab den 1990er Jahren in immer mehr Kliniken angeboten. Zudem entstehen an einer Reihe von Standorten CI-Zentren, die – so wie das erste CI-Zentrum in Hannover – eine CI-Rehabilitation für Kinder anbieten. Auch die Indikationsgrenze für das Cochlea-Implantat verschiebt sich. So werden ab Mitte der 1990er Jahre erstmals mehrfachbehinderte Kinder mit dem CI versorgt. Gleichfalls in den 1990er Jahren entstehen erste stationäre Reha-Angebote für erwachsene CI-Träger.

Und es gibt erneut eine wichtige Gesetzesänderung: Im Westen Deutschlands hatten sich im Zuge der seit Ende der 1960er Jahre entstandenen sozialen Bewegungen auch immer mehr Menschen mit Behinderung zu Wort gemeldet und mehr Rechte gefordert. Eine Konsequenz daraus ist 1994 eine Ergänzung des Grundgesetzartikels 3 Absatz 3: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt oder bevorzugt werden“.
Schwerhörigenbewegung nach der Jahrtausendwende
Ein Jahr nach der Jahrtausendwende feiert der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB) 100 Jahre Schwerhörigenbewegung. Der DSB betreibt ein Netzwerk von Hörberatungs- und Informationszentren in allen Bundesländern sowie zahlreiche Beratungsstellen auf kommunaler Ebene; ab 2006 gibt es zudem mobile Beratung mit einer HÖRMobil-TOUR. Der DSB kooperiert mit vielen ihm angeschlossenen Vereinen und Selbsthilfegruppen, anderen sozialen Vereinen und internationalen Verbänden. Er leistet wichtige Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich in der Politik.
Ob der Kontakt zum Bundesminister Norbert Blüm, Protestaktionen, die Unterstützung von Klageverfahren oder die Mitarbeit an einem runden Tisch des Bundesgesundheitsministeriums… – mit zahlreichen Aktivitäten sorgt der Verband dafür, dass eine optimale Versorgung mit Hörgeräten sichergestellt ist. Ebenso bringt sich der DSB immer wieder aktiv in Gesetzgebungsverfahren ein. Er arbeitet am Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) mit und wirkt hier u. a. maßgeblich für die Einführung des Neugeborenen-Hörscreenings und die Weiterentwicklung der Hilfsmittelrichtlinie. Weiterhin leistet der DSB entscheidende Arbeit für die Etablierung des Schriftdolmetschens sowie für den neuen Beruf des Audiotherapeuten.
Etwa 2001 entsteht erstmals die Vision eines gemeinsamen, starken Bundesverbandes aller hörgeschädigten, lautsprachlich orientierten Menschen in Deutschland, in der sich DCIG und DSB sowie weitere Strukturen zusammenschließen könnten.
Dann gibt es weitere wichtige Ereignisse in Politik bzw. Gesetzgebung: 2002 verabschiedet der Deutsche Bundestag das Behinderten-Gleichstellungsgesetz (BGG). Neben Menschen mit anderen Behinderungen werden auch Menschen mit Sinnesbeeinträchtigung genannt. Grundsätzlich – so das Gesetz – sind behinderte Menschen Menschen, die Barrieren an gleichberechtigter Teilhabe hindern können (§3). Allen behinderten Menschen soll – etwa durch entsprechende bauliche und technische Hilfen – Barrierefreiheit ermöglicht werden (§4). Zudem werden die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als eigenständige Sprache sowie Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) als Kommunikationsform der deutschen Sprache anerkannt. Gehörlose, ertaubte und schwerhörige Menschen dürfen DGS und LBG verwenden, ebenso Verschriftlichung durch Schriftdolmetscher und technische Hilfsmittel wie drahtlose Übertragungsanlagen (§6).
Mindestens ebenso wichtig ist die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die 2006 beschlossen und in den Folgejahren in weltweit 180 Ländern zum Gesetz wird. In Deutschland gilt sie seit 2009. Sie schreibt die Inklusion behinderter Menschen vor: Menschen mit einer Behinderung sind unabhängig, haben die gleichen Rechte und sollten mitbestimmen: “Nichts über uns ohne uns”. Ob Bildung, Arbeit, Gesundheit, Politik, Kultur – in allen Lebensbereichen soll Barrierefreiheit geschaffen werden.

Spannend bleibt in den 2000ern die Entwicklung der Hörtechnik. Auch die CI-Indikation entwickelt sich weiter. Beim CI braucht man keinen Taschenprozessor mehr, und es können inzwischen auch viele von einer Versorgung profitieren, die nicht vollständig taub sind. Ab Anfang des Jahrzehnts wird die beidseitige CI-Versorgung etabliert – ähnlich wie zuvor die beidseitige Hörgeräte-Versorgung. Und man weiß inzwischen, dass die Nutzung eines CIs keinesfalls die Nutzung eines Hörgerätes auf dem anderen Ohr ausschließt – solche bimodalen Versorgungen sind vielmehr der Standard. Zudem gibt es nun Cochlea-Implantate, die eine gleichzeitige Nutzung des noch vorhandenen Restgehörs ermöglichen. Ab 2007 werden in Deutschland erstmals einseitig taube Menschen mit einem CI versorgt.
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in DSB und DCIG wider: Beim DSB trägt man Hörgeräte, bei der DCIG nur CI? – Das ist längst vorbei! Die Schwerhörigenbewegung war seit jeher vor allem ein Ort für Menschen mit hochgradigen Hörverlusten. Da immer mehr dieser Menschen mit dem CI versorgt werden, wächst die DCIG. Im DSB gibt es immer mehr CI-Träger und in der DCIG viele Mitglieder, die bimodal auch mit Hörgerät versorgt sind. Wie die früheren Grenzen verschwinden, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der jungen Selbsthilfe – etwa bei den Sommercamps der Bundesjugend im DSB (später BuJu).
Die 2010er Jahre – smarte Hörtechnik und mehr Teilhabe
In den 2010er Jahren werden technische Hörhilfen smart: Bluetooth-Kopplung von Hörgeräten und Hörimplantaten mit Fernseher oder Handy, App-Steuerung und Soundstreaming, Etablierung neuer Hörgeräte-Bauformen (Hörgeräte mit externem Hörer) und Akku-Technik – die neuen Möglichkeiten bieten nicht nur ein Mehr an Hören und Verstehen, sondern auch Teilhabe an der modernen, vielfach vernetzten Kommunikationswelt. Eine Entwicklung, die bis heute anhält. 2013 beginnt die Bluetooth Special Interest Group (SIG) mit der Entwicklung eines neuen Bluetooth-Standards mit Auracast; neben weltweit führenden Elektronik-Herstellern sind die Hörgeräte- und Hörimplantat-Hersteller von Anfang an maßgeblich beteiligt – auch um neue Möglichkeiten der Hörverbesserung im öffentlichen Raum zu schaffen.

In der Politik ist das Bundesteilhabegesetz (BTHG), das der Deutsche Bundestag 2016 beschließt, ein weiterer Meilenstein. Es soll die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen stärken. Existenzsichernde Leistungen werden von Leistungen zur Teilhabe getrennt. Statt pauschaler Systeme soll es eine auf den Einzelnen zugeschnittene Unterstützung geben. Auf Basis der UN-Behindertenrechtskonvention soll ein modernes Teilhaberecht entstehen. Nach Inkrafttreten des Gesetzes beginnt der DSB mit der Schaffung von Stellen für die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB).
Die DCIG begeht 2017 ihr 30jähriges Gründungsjubiläum. Die Gemeinschaft der CI-Träger ist in dieser Zeit und bis heute kontinuierlich gewachsen – inzwischen gibt es acht Regionalverbände und über 130 Selbsthilfegruppen. Schwerpunkte der Aktivitäten sind Beratung und gegenseitige Unterstützung, Seminare, gemeinsame Freizeitaktivitäten. Ebenso wichtig sind Öffentlichkeitsarbeit und das Engagement auf politischer Ebene. Die DCIG beteiligt sich seit jeher intensiv am medizinisch-wissenschaftlichen Diskurs rund um die CI-Versorgung, sucht den Austausch mit Kliniken, Krankenkassen und Gesundheitspolitik, um die Qualität der Versorgung zu erhalten und weiterzuentwickeln. Seit 2011 veranstaltet die DCIG Symposien bzw. Fachtagungen. In den 2010er Jahren entsteht mit Deaf Ohr Alive (DOA) eine engagierte junge CI-Selbsthilfe, die sich nicht allein auf das Thema CI beschränkt, sondern für Träger anderer Hörtechnik ebenso offen ist wie für eine zusätzliche Verwendung von Gebärdensprache.
Schwerhörigenbewegung jetzt – und ein Blick in die Zukunft
Im Dezember 2022 gründen DSB und DCIG sowie weitere Landes- bzw. Regionalverbände beider Bundesverbände den Deutschen Hörverband (DHV). Er soll in den kommenden Jahren zum gemeinsamen, starken Bundesverband der lautsprachlich kommunizierenden Menschen mit Hörbeeinträchtigung werden. Die zukünftige Fusion im DHV garantiert, gemeinsam für wichtige Ziele zu kämpfen: mehr Akzeptanz und Teilhabe, eine starke Selbsthilfe, eine bessere Versorgung und eine lebendige Gemeinschaft aller Menschen mit Hörbeeinträchtigung. Doch bis zum großen Verband, dem sich auch weitere Verbände und Interessenten anschließen können, gibt es noch viel zu tun. Die Fusion ist nur in einem schrittweisen Übergang zu schaffen, an dem viele Aktive mitwirken – etwa in mehreren Arbeitsgemeinschaften (AGs). Ab 2025 erscheint die Fachzeitschrift „Schnecke“ als gemeinsames Medium von DCIG, DSB und DHV.
Und aktuell jährt sich die Gründung des Kreises um Margarethe von Witzleben und damit der Beginn der Schwerhörigenbewegung in Deutschland zum 125. Mal. Auf Initiative von DSB, DCIG und DHV wird dieses Ereignis als gemeinsames Jubiläum aller lautsprachlich kommunizierenden Menschen mit Hörbeeinträchtigung begangen.
PS 1: Die Fotos zum zweiten Teil über 125 Jahre Schwerhörigenbewegung in Deutschland zeigen die Installation „Bonfire“ (Freudenfeuer) des Künstlers Christopher Bauder. „Bonfire“ simuliert mit den Mitteln moderner Technologie eine ganz archaische Institution – das Freudenfeuer. Das Freudenfeuer besteht aus einer fünf Meter hohen, dreidimensionalen Anordnung von 162 Leuchtkörpern mit über 20.000 einzeln steuerbaren Lichtpunkten. Das schien mir ganz passend zum Spruch, dass Tradition nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers ist. Und zu Menschen, die mit moderner Technologie leben, schien es mir auch passend. Fotografiert habe ich das Freudenfeuer in der Ausstellung „Dark Matter“.
PS 2: Die Stationen der Geschichte von 125 Jahre Schwerhörigenbewegung in Deutschland habe ich im Auftrag des Deutschen Hörverbandes (DHV) zusammengetragen – wohl wissend, dass es Punkte geben kann, die aufgrund der begrenzten Recherchemöglichkeiten nicht berücksichtigt wurden. Über die Zusendung von sachdienlichen Hinweisen, Ergänzungen, historischen Fotos und Materialien würden ich mich sehr freuen: martin.schaarschaarschmidt@berlin.de

