
Letzten Monat ist Rainer Hüls gestorben. Er war erst 78, das ist nicht so alt. Es ist nicht leicht, über jemanden zu schreiben, mit dem man häufig zu tun hatte und der nun gestorben ist. Mir hilft da gerade eine innere Stimme, die Rainer Hüls Stimme ist: „Am besten erstmal alles runterschreiben; korrigieren und streichen kann man anschließend immer noch.“
Zum ersten Mal bin ich Rainer Hüls vor etwa einem Vierteljahrhundert begegnet. In der Zeit dazwischen hatten wir nicht ständig miteinander zu tun, hatten aber immer wieder Kontakt, in den letzten Jahren selten und nur noch telefonisch. Erst jetzt beim Erinnern fällt mir auf, dass ich überraschend viele, für mich wichtige Begegnungen mit Rainer Hüls hatte. Außerdem bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich eines seiner Bücher nie gelesen hatte, obwohl er es mir mit seiner Widmung geschenkt hat.
Ein alter Hase in einem Zugabteil
Rainer Hüls war Verleger, Journalist, Autor. Er hat sich fast 50 Jahre mit Hörakustik, Hörgeräten, Hören mit Technik beschäftigt – und die meisten dieser Jahre über sie geschrieben. Nach der Schule hat er als Vertriebsmitarbeiter für Schallplatten gearbeitet. Das weiß ich, seit ich einen Nachruf auf ihn gelesen habe. Auch in der Hör-Branche war Rainer Hüls zuerst Vertriebler – für Hörgeräte. Im Nachruf stand, dass er nach seinem Wechsel zu den Hörgeräten meinte, er müsse sich nun nicht mehr schämen, ein Verkäufer zu sein; weil er sah, was diese Technik Menschen bringt, die sie brauchen. Später war er Geschäftsführer bei einem Hörgeräte-Hersteller, dann wechselte er zu einem anderen. Und er ist sein Leben lang in seiner Heimatstadt Hamburg geblieben.
Als ich Rainer Hüls das erste Mal begegnete, war er längst Journalist und Autor. Er hatte ein dickes Buch zur „Geschichte der Hörakustik“ veröffentlicht. Und er war gerade Verleger geworden. Um die deutschsprachige Ausgabe der Hörakustik-Fachzeitschrift „Audio Infos“ herauszugeben, hatte er seinen eigenen Verlag gegründet, den Innocentia Verlag Rainer Hüls e. K., der nach dem Innocentia Park hieß. Einmal habe ich ihn in Hamburg besucht, und durch das Fenster seines Arbeitszimmers konnte man auf den Park sehen.

Wenn du jung bist, ganz am Anfang stehst und keinen Plan hast, hilft es dir sehr, einen alten Hasen zu treffen, der nicht nur weiß, wie es läuft, sondern der auch bereit ist, sein Wissen mit dir zu teilen. Ich war damals noch jung, hatte eigentlich Literaturgeschichte studiert und dann eine Stelle als PR-Berater in einer Agentur gefunden. Für die betreute ich einen Hörgeräte-Hersteller, schrieb Reportagen, Interviews, Pressemitteilungen und Rainer Hüls hat die in seiner Zeitschrift gedruckt. Dann traf ich ihn persönlich auf dem Hörforum einer Hörakustikerin in Iserlohn. Ich kannte niemanden dort und hatte viel Respekt. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass nicht ich es war, der auf Rainer Hüls zuging. Er kam nach der Veranstaltung auf mich zu, wir liefen zu zweit zum Bahnhof und dann erklärte er mir eine Zugfahrt lang in einem schummrig-schmuddeligen Zugabteil die bundesdeutsche Hörakustik-Branche, während ich die Ohren spitzte und draußen die Nacht vorbeifuhr.
Geschichte und Geschichten vom Hören
Ungefähr zur gleichen Zeit hat Rainer Hüls ein kleines Büchlein veröffentlicht: „Der Markt für Hörsysteme“. Das schickte er mir. Ich habe es sehr aufmerksam gelesen und weiter Texte geschrieben, die Rainer Hüls in seinen Zeitschriften druckte – zu „Audio Infos“ kam dann noch „Otology“, eine Zeitschrift für HNO-Ärzte. Später habe ich hin und wieder auch Artikel geschrieben, die keine PR-Artikel waren und für die ich Geld vom Innocentia-Verlag bekam. Und ein paar Mal verhalf mir Rainer Hüls zu ganz besonderen Aufträgen – etwa, weil er sie selbst nicht übernehmen konnte. Deshalb durfte ich die Fabrik eines Hörgeräte-Herstellers in China besuchen und von der großen Hörgeräte-Messe in Texas berichten. Und ich durfte Brain Adams treffen, weil Rainer Hüls zum Zahnarzt musste.
2008 bin ich raus aus der Agentur und habe mich als PR-Berater selbständig gemacht; in der Hör-Branche bin ich geblieben. Rainer Hüls meinte, falls ich anfangs nicht genug Aufträge habe, soll ich ihm das sagen und für ihn schreiben. Das war schön, weil es Mut machte und auch eine Hilfe war. Ich schrieb immer weiter Artikel für die Zeitschriften, und er schrieb an einem neuen Buch über die Geschichte der Hörhilfen: „Die Hand am Ohr“. Weil das Buch reich illustriert ist, wurden viele Fotos gebraucht, die oft schwer zu finden waren. Bei der Suche nach zwei Fotos konnte ich helfen – das Porträt des Berliner Ohrenarztes Louis Jacobson, dem eigentlichen Erfinder des ersten Hörgeräts, und ein Briefkopf mit der Abbildung der Deutschen Akustik Ges. m. b. H., der ersten Hörgeräte-Fabrik Europas in der Berliner Motzstraße.
„Die Hand am Ohr“ habe ich noch aufmerksamer gelesen als das Büchlein über den Hörgeräte-Markt. Es ist ein Buch, das ich auch für diesen Blog immer wieder zur Hand nehme. Meine Ausgabe ist voll mit Klebezetteln. Auf Seite 133, auf der sich Bill Clinton die Hand ans Ohr hält, ist mir mal Kaffee draufgeschwappt…

Rainer Hüls hat sich sehr für die Geschichte der Hörtechnik interessiert, und auch für die Geschichten drum herum. Das fand ich spannend, auch wenn ich von Technik nicht viel verstehe. Vielleicht, weil ich was mit Geschichte studiert hatte. Und weil mich die Geschichten von Menschen, die mit Hörtechnik leben, interessieren. Wenn man zurückblickt, hat man oft mehr zu erzählen, als wenn man nach vorne schaut. Oder man hat mehr zu schreiben.
Von klugen Leuten und bekannten Namen
Als wir uns ungefähr zehn Jahre kannten, ich zehn und Rainer Hüls noch viel mehr Jahre über Hörtechnik und Menschen, die mit Hörtechnik leben, geschrieben hatten, kam er auf die Idee, mit mir gemeinsam ein Buch zu machen: „Was halten Sie davon?“ – Ich fand die Idee fabelhaft und sein Angebot war mir eine Ehre. „Hearing Stories. Geschichten, Gespräche und Gedichte über das Hören“ wurde eine ziemlich wilde Mischung: kurze Episoden, lange Interviews, Hörpoesie, kluge Sprüche… Alles drehte sich ums Ohr. Und es gab eine lange Liste kluger Leute und bekannter Namen, die wir für die Buchplanung zusammentrugen. Rainer Hüls hatte zum Beispiel den Sänger Udo Jürgens, den Schauspieler Leslie Nielsen und den Theater-Regisseur Peter Zadek interviewt. Ich hatte den Politiker Günther Beckstein, den Entertainer Bill Ramsey oder Professor Karhlheinz Brandenburg, den Miterfinder von MP3. In „Hearing Stories“ gibt es noch viel mehr solcher Begegnungen. Und immer geht‘s ums Hören – ums schlechte Hören und ums bessere Hören mit Technik.

Eine der Begegnungen, die Rainer Hüls beisteuerte, war die mit Helmut Schmidt. Eigentlich waren es mehrere Begegnungen. Und alles begann damit, dass Rainer Hüls ein Interview von Helmut Schmidt gelesen hatte. In dem lobte der Altbundeskanzler seinen Herzschrittmacher, fragte sich jedoch zugleich, warum diese tolle Technik aus den USA kommt und nicht aus Deutschland. – „Und ich“, so Rainer Hüls, „fragte mich, warum er schon mehrfach in der Öffentlichkeit über seinen Herzschrittmacher gesprochen hatte, aber noch nie über seine Hörgeräte, die ebenfalls aus den USA stammten. Ich schrieb ihm einen Brief und nahm darin zu den von ihm angesprochenen Themen Stellung und wies unter anderem auf die Leistungsfähigkeit der europäischen Hörgeräteindustrie hin, die im Wesentlichen in Deutschland, Dänemark und der Schweiz beheimatet sei. Ich legte meinen gerade erschienenen Ratgeber ‚Schon gehört?‘ bei und bot ihm an, ihn bei Bedarf über die neuesten Möglichkeiten einer Hörgeräteversorgung zu informieren. Wenige Tage später erhielt ich einen Brief mit der Bitte, bei seiner Sekretärin einen Gesprächstermin zu vereinbaren.“
Der Termin in Helmut Schmidts Büro (dem „Löwenkäfig“) im Juni 1997 muss eine etwas komplizierte Kiste gewesen sein: „Schmidt saß an seinem Schreibtisch und studierte eine Akte. Er blickte auf, erhob sich sogleich und begrüßte mich schon aus der Distanz mit meinem Namen. Er schien sich auf den Besuch zu freuen oder ihm wenigstens mit Interesse entgegenzusehen. Er kam auf mich zu, blieb dann aber plötzlich stehen und machte kehrt. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch und suchte etwas in der Schublade…“ – Statt eines großen, repräsentativen Büros mit getäfelten Wänden und Teppichen gibt’s einen kleinen Raum mit weiß furniertem Mobiliar „aus einem bekannten schwedischen Möbelhaus“. Passend zur Juni-Hitze trägt Schmidt „ein weißes Hemd mit kurzen Ärmeln, eine weiße Hose und weiße Slipper, keine Krawatte.“
Rainer Hüls im „Löwenkäfig“
„Schmidt kam zurück und bot mir einen Platz an seinem Besprechungstisch an. ‚Möchten Sie einen Kaffee?‘ fragte er. Ich bejahte und er rief nicht etwa Frau Niemeier zu Hilfe, sondern ging selbst in das kleine Vorzimmer, wo zwischen den Aktenregalen gerade noch eine Kaffeemaschine Platz gefunden hatte, und füllte zwei Henkelbecher mit einem schon etwas abgestandenen schwarzen Filterkaffee. Er trug die Becher herein und stellte mir einen hin. Dazu gab es kleine Plastikdöschen, die mit Kondensmilch gefüllt sind und ihren Inhalt durch Abreißen eines Verschlussdeckels freigeben. Zucker bekam ich nicht. Dann setzte er sich zu mir, ein relativ kleiner, freundlicher älterer Herr, der nicht die kalte Aura hatte, die ihm oft zugeschrieben wird. Er war mir durchaus sympathisch. Und dennoch wollte er nicht so recht zu dem Bild passen, das ich von seinen unzähligen Fernsehauftritten her hatte. Da saß schließlich ein Mann vor mir, der zu den bedeutendsten Politikern seiner Zeit gehört und mit Mao-Tse-tung, Kaiser Hirohito, Leonid Breschnew, drei amerikanischen Präsidenten und vielen Staats- und Regierungschefs dieser Welt konferiert hatte. Von seinen beispielhaften Leistungen in der Krisenbewältigung ganz zu schweigen.“
Die Begegnung beginnt etwas fahrig, nimmt dann merkwürdige Wendungen und endet abrupt: Helmut Schmidt schimpft über seine Hörgeräte; Rainer Hüls wundert das nicht, weil die Geräte offensichtlich gar nicht eingestellt sind. Dann lobt Helmut Schmidt seine zweiten Hörgeräte wegen der guten Richtwirkung; die trägt er aber nur im Theater. So könne er verstehen, was auf der Bühne gesprochen wird. Auf die Frage, warum er sie sonst nicht trägt, schimpft Schmidt: „Ich höre ja noch gut! Die anderen müssen nur endlich mal laut und deutlich sprechen!“ – „Und die Frage, ob es nicht besser sei, nicht mehr so viel Kaffee zu trinken und zu rauchen, beantwortete er nur mit einem unwilligen Grunzen. Nächste Frage.“

„Ich sprach bewusst langsam, vor allem aber laut und deutlich und bemerkte, dass er trotzdem einige Fragen nicht ganz verstanden hatte“, erinnert sich Rainer Hüls. „Das waren untrügliche Zeichen dafür, dass sein Hörverlust schon ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hatte und er dringend eine Hörgeräteversorgung nach dem letzten technologischen Stand benötigte.“ Die versucht Rainer Hüls dem Bundeskanzler a. D. schmackhaft zu machen – was ihm später auch gelingen wird (zumindest mit einem Gerät, weil Helmut Schmidt ein zweites strikt ablehnt); an diesem Tag gelingt es Rainer Hüls jedoch nicht, denn die Stimmung seines Gesprächspartners kippt am Schluss endgültig: „Ich sagte ihm, dass er für das Gerät selbstverständlich keine Rechnung erhalten würde. … (E)r herrschte mich an: ‚Hier wird alles bezahlt!‘“
Bald darauf wird Rainer Hüls klar, dass es nun wohl besser ist, sich zu verabschieden. Dennoch treffen sich beide mehrmals wieder, Helmut Schmidt bekommt sein Hörgerät – mit der gewünschten Rechnung. Und Rainer Hüls war sich auch Jahre später nicht sicher, „ob der stockende Gesprächsverlauf auch daran lag, dass er (also Schmidt) nicht alles verstand und das nicht zugeben mochte. Das wäre vielleicht ein Eingeständnis der Schwäche gewesen.“
Erinnerungen an einen Garten
Zwischen dem angenehm normalen Helmut Schmidt, dem freundlich interessierten Helmut Schmidt, dem viel beschäftigten Helmut Schmidt, dem schimpfenden, herrischen und unfreundlichen Helmut Schmidt war Rainer Hüls in einer halben Stunde „unvermittelt“ und für einen Augenblick auch einem ganz persönlichen Helmut Schmidt begegnet: „Dann setzte er sich, einige Meter von mir entfernt, vor seinen Schreibtisch in einen federnden schwarzen Besuchersessel, wippte lässig nach hinten und blickte durch das erste Fenster sinnend in die Ferne über den Domshof hinweg in Richtung Hafen. ‚Mein Vater ist 92 Jahre alt geworden‘, sagte er.“ Und: „Eines Tages werde ich taub sein.“
Über persönliche Dinge von Rainer Hüls wusste ich nichts. Bis ich letzten Monat von seinem Tod erfuhr und mir das Buch mit der Widmung einfiel, das ich nie gelesen hatte. Es heißt „Frühling aus der Asche. Erinnerungen an die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder“. Darin erzählt Rainer Hüls von seiner Kindheit und Jugend. Wie ihm ein britischer Soldat schon vor der Geburt das Leben rettete. Wie er am Rand des zerbombten Hamburgs in einem Gartenhaus aufwächst – mit einer lieblosen Großmutter, die ihn schlägt, mit armen, nicht glücklichen Eltern, mit den allgegenwärtigen Nazis, über die niemand mehr sprach, mit einem Garten, in dem ein kleiner Junge sich verlieren und wegträumen, spielen und eine Welt erobern konnte – bis ihn die D-Mark und der einziehende Wohlstand aus dieser Welt vertreiben und er schließlich die Musik, die Schallplatten, die Mädchen und das Schreiben für sich entdeckt.
Rainer Hüls war ungefähr so alt wie mein Vater. Aber er ist in Hamburg großgeworden, ich mit meinen Eltern in Ostberlin. Vieles aus seiner Kindheit und Jugend – die Erinnerungen an einen Garten, an die Männer, die ihre Gliedmaßen im Krieg verloren hatten, an das Schweigen über die Vergangenheit oder auch die Liebe zu Schallplatten – war mir aus meiner Kindheit dennoch sehr vertraut. Wenn wir uns jetzt begegneten, würde ich Rainer Hüls davon erzählen. Das wird nun leider nichts mehr. Aber wer schreibt, bleibt – zumindest manchmal und noch ein Stück.

PS: Die Fotos zum Beitrag über Rainer Hüls sind eingefärbte Ausschnitte aus Fotos, die er mir gegeben hat, und die alle in seinem Buch „Die Hand am Ohr“ zu finden sind – mit den dazugehörigen Geschichten über Gott, der einen Hörschlauch zu Marias Ohr hat, über das Acousticon von Prinzessin Alexandra, über ein Hörgerät, das Churchill von Stalin geschenkt bekam usw. Das Porträt von Rainer Hüls ist von Elfriede Liebenow. Danke an Dennis Kraus, dass ich es hier mit einstellen darf.

