Schuld sind die mit den großen Ohren…

Was deine Ohrmuscheln über dich verraten - und was nicht
Miniaturköpfe, Technikmuseum Wien

Zeige mir dein Ohr, und ich sage dir, wer du bist? – Tatsächlich sind Ohrmuscheln bzw. deren Formen höchst individuell. Egal, ob deine Ohren spitz, eckig, elefantig oder nur irgendwie aussehen… – du kannst dir zu 99 Prozent sicher sein, dass es auf dem ganzen Planeten außer dir niemanden gibt, der mit exakt deinen Ohrmuschelformen rumläuft.

Deine Ohren machen dich einzigartig. Die Chance, dass zwei Menschen den gleichen Ohrabdruck hinterlassen, liegt bei 1:300 Millionen. Gegebenenfalls ist daher gut beraten, wer beim Lauschen an Wänden an eventuelle Ohrspuren denkt. Im Krimi kann die Spurensicherung mit Magnetpulver auch Ohrabdrücke sichtbar machen. Deren Analyse ist eine Methode der Forensik – wissenschaftlich fundiert und fast so genau wie die Analyse von Fingerabdrücken.

Geschichte des Ohren-Sortierens

Unsinn ist hingegen Folgendes: Aus der Form von Ohrmuscheln erschließt man sich den Charakter ihres Besitzers. Dennoch hat es schon immer Leute gegeben, die nach solchen Zusammenhängen suchten. Aus dem Umstand, wie eine*r (bzw. deren Ohr) aussieht, wollten sie ableiten, wer eine*r ist und was mit ihm bzw. ihr los ist. Man verstand Körper, Kopf, Gesicht als eine Art sprechenden Spiegel. Jedes äußere Detail verriet etwas über das Innere eines Menschen – auch seine Ohren: Diejenigen mit kleinen Ohren sind feinfühliger; solche mit breiten Ohren sind belastbarer; und die mit runden Ohren sehnen sich nach Harmonie…

Charles Darwins linkes Ohr

Schon in der Antike glaubte man, solche und ähnliche Zusammenhänge gefunden zu haben. Man glaubte zu wissen, mit wem man es zu tun hatte, wenn man sich nur dessen Nase, seine Stirn oder eben die Ohren ansah. Allerdings glaubte das nicht jeder. Denn diese Zusammenhänge waren lange Zeit Geheimwissen. Nur eingeweihte Kreise wussten Bescheid. (Was andererseits bedeutet, dass diese Zusammenhänge nur von Eingeweihten hinterfragt und bezweifelt werden konnten.)

Gevatter Lavaters Menschenliebe

Populär wurde die Physiognomik – also der Versuch, vom Äußeren auf das Innere eines Menschen zu schließen – vor etwa 250 Jahren, also in der Zeit von Lessing und Goethe. Johann Caspar Lavater, ein Schweizer Pastor, landete damals einen Bestseller: „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“, ein Werk in vier dicken Bänden. Lavater erarbeitete ein umfangreiches Archiv an Porträts und Silhouetten. Enthalten waren alle möglichen Menschen seiner Zeit – Prominente, kluge Köpfe, Adlige und Bürger, normale Leute und Verbrecher. Der Pastor war davon überzeugt, dass hinter der Art, wie jemand aussieht, ein göttlicher Plan steckt. Nase und Kinn, Stirn und Ohrmuschel waren für ihn „Buchstaben des göttlichen Alphabets“.

Johann Caspar Lavater

Es gab schon damals Leute, die das für Käse hielten. Lavater selbst war gottgläubig, aber sicherlich nicht dumm. Doch auch kluge Menschen können sich irren – vermutlich sogar ziemlich oft.

An sich sind Menschenkenntnis und Menschenliebe ja nichts Schlechtes. Es wäre deshalb unfair, dem Pastor heute vorzuwerfen, was sich aus seinem Werk in den darauffolgenden 250 Jahren noch so alles entwickelt hat: ein krudes Bild von einer Welt, die sich aus Ohrmuscheln, Nasen, Haut, Schädelform, Körperbau, Abstammung, Rasse erklären lässt. Menschen wurden klassifiziert, auserwählt und aussortiert. Der Schlüssel zur Menschenliebe, wie ihn sich der Pastor vorgestellt hatte, war am Ende nur ein Schlüssel zu den Abgründen menschlichen Grauens.

Beim Friseur gelesen

Heute weiß man es besser. – Weiß man es besser? Ich bin mir nicht sicher. Neulich saß ich beim Friseur und schaute mir eine dieser bunten Zeitschriften an. (Beim Friseur schaue ich mir meist Zeitschriften an, die ich mir niemals kaufen würde.) Und diesmal stieß ich auf einen Artikel über Visuelle Ohrdiagnostik: „Was Ihre Ohren über Sie verraten“.

Fußboden Friseursalon

Ich erfuhr, was mir Ohrläppchen über das Wohlbefinden oder die Genussfähigkeit eines Mitmenschen mitteilen, was die Ohrenfarbe über deren Gesundheit sagt – und was die anderen über meinen Charakter erfahren, wenn sie sich meine Ohren anschauen…

Klar kann man sich sagen, dass das Hokuspokus ist, ungefähr so wie Horoskope. An Horoskopen ist häufig irgendwas dran, aber sonst sind sie Quatsch. Es mag nicht ganz abwegig sein, dass es jemandem schlecht geht, wenn seine Ohren blau sind… Aber sonst?

Interpretation von Schädelformen

Visuelle Ohrdiagnostik geht noch ein ganzes Stück weiter: Hast du zum Beispiel ein „grob gezeichnetes Ohr“? Dann muss ich dir jetzt leider sagen, dass du ganz schön oberflächlich bist. Aber du bist wenigstens nicht hinterhältig. Das bist du nämlich nur, wenn deine Ohrläppchen angewachsen sind. Und wenn du kleine Ohren hast, dann weiß ich schon, dass du nicht sehr belastbar bist. Und wenn du dann noch eine Falte vor dem Ohr hast, spricht einiges dafür, dass du auch noch Potenzprobleme hast…

Ohrmuscheln und Scharlatane

Vergiss den letzten Absatz. Das war Murks aus der Friseur-Zeitschrift. Du mit den angewachsenen Ohrläppchen bist eine total ehrliche Haut! Und du mit den kleinen Ohren hast ein extrem dickes Fell, an dem alles abperlt!

Die Natur hat uns bestimmt keine einzigartigen Ohren verpasst, damit uns jeder Scharlatan anhand unserer Ohrmuschelformen in seine Schubladen packen kann. Aber Leute, die andere nach solchen Mustern sortieren, gibt es auch heute. Psychologen, Personal-Referenten, sogar Terrorismus-Fahnder soll es geben, die sich mit visueller Ohranalyse beschäftigen. (Etwa so, wie es Leute geben soll, die die Erde für eine Scheibe halten…)

Ohr aus Dachziegel

Das Schöne an Tatsachen ist, dass sie auch dann wahr sind, wenn man sie bezweifelt und Unsinn glaubt. Die Natur interessiert nicht, wie man sie versteht und erklärt. Und sie bringt deshalb jeden Tag einzigartige Ohren hervor. Mitunter sogar solche, die nicht hören können. – Wie das Ohr auf dem Foto zum Beispiel. Ein Geschenk, das mir jemand gemacht hat, weil ich ständig mit Ohren und Hören zu tun habe. Ein alter Dachziegel, der sonst wo ins Meer gefallen ist. Und die Natur hat sich dann wohl gesagt: Das wird jetzt ein Ohr…

PS: Auf den Fotos zum Beitrag über Ohrmuscheln sind: Miniaturköpfe von 1831 aus dem Wiener Technik-Museum, mit denen man früher die Schädellehre nach Johann Caspar Spurzheim vermittelt hat; das linke Ohr der Charles-Darwin-Plastik in der Eingangshalle des Natural History Museums London; ein Gemälde, das Johann Caspar Lavater zeigt und im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin hängt; ein Blick in ein Buch von 1852, in dem Schädelformen interpretiert werden (Gustav Scheve, Katechismus der Phrenologie), ein Blick auf den Fußboden bei meinem Friseur und ein altes Stück Dachziegel aus dem Meer, das wie ein Ohr aussieht.


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2 Kommentare. Leave new

  • Ich dachte immer, dass Ohren so ziemlich gleich aussehen. Klar, es gibt große und kleine Ohren, aber dass sie so individuell sind, dass man in der Spurensicherung einen Täter durch Magnetpulver anhand seines Ohrenabdruckes überführen kann, hätte ich nie gedacht. Dass die Größe und Form der Ohren eines Menschen etwas über seine Empfindsamkeit aussagt, hätte ich jetzt auch nicht vermutet.

    Antworten
    • MSchaarschmidt
      3. März 2020 11:32

      Hallo Franz, vielen Dank für den Kommentar. Freut mich immer, wenn die Hörgräte ein bisschen überraschen konnte. Viele Grüße, Martin

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