Albert Einsteins Hörgerät (Teil 3)

Die Idee vom Magneten am Schädel – und was aus ihr wurde
Albert-Einstein-Büste

Wie im vorangegangenen Teil des Artikels über Einsteins Hörgerät berichtet, fragte die schwerhörige Mezzosopranistin Olga Eisner ihren guten Bekannten Albert Einstein, ob er nicht etwas erfinden könnte, was ihr Hörproblem behebt.

Einstein und der Ingenieur Goldschmidt machten sich tatsächlich ans Werk. Sie suchten nach einer Lösung, mit der man Schall am verknöcherten Mittelohr der Opernsängerin vorbei in ihr Innenohr umleiten kann. Der Schall sollte auch hier über den Schädelknochen übertragen werden – so, wie ich das im ersten Teil des Beitrags beschrieben hatte. Die Sängerin sollte jedoch weder auf Gummi-Pole beißen noch einen Vibrator gegen ihre Schläfe pressen müssen. Die Idee war vielmehr, die Schwingungen direkt auf ihren Knochen zu übertragen.

Einsteinturm

Einsteins Plan war, den Schall durch einen Elektromagneten zu verstärken. Setzt man die Schwingungen bzw. Vibrationen von außen an den Kopf, kämen sie ja nicht direkt am Knochen an. Sie müssten erst durch Kopfhaut und Gewebe; und da geht einiges an Schall verloren. Der Schalldruckpegel (zu dem man auch Lautstärke sagen könnte, was aber nicht ganz stimmt) muss um etwa 50 Dezibel größer sein als normaler Weise, damit man so laut hört wie bei einem intakten Ohr.

Außerdem gehörte zum Plan, dass der Magnet direkt mit dem Knochen verbunden wird. Einstein und Goldschmidt planten, ihn zu implantieren. – Heute nennt man so was ein knochenverankertes Hörgerät. Zur damaligen Zeit war für einen solchen Plan wohl tatsächlich mehr Phantasie als Wissen nötig. Dieser Plan war sozusagen eine Reise in die Zukunft.

Verbindungen von Technik und Knochen

Knapp 40 Jahre nach diesem Plan fand der schwedische Orthopäde und Forscher Per-Ingvar Branemark durch einen Zufall heraus, dass ein Titan-Röhrchen und ein Knochen – genauer gesagt, war es das Schienbein eines Kaninchens – eine extrem feste Verbindung eingehen. Titan und Knochen verwachsen mit einander. Diese Entdeckung war Ausgangspunkt für moderne Zahnimplantate, später auch für künstliche Hüftgelenke und auch für knochenverankerte Hörgeräte. Wissenschaftlich anerkannt wurde die Geschichte mit Titan und Knochen Anfang der 80er Jahre. Einstein hingegen wollte schon 50 Jahre vorher Magneten in Schädelknochen verankern…

Innenansicht des Einsteinturms

Aber dazu kam es erst lange nach seinem Tod. Obwohl der Ingenieur Rudolf Goldschmidt noch lange über den Plan nachdachte, ihn mit einem Chirurgen und einem HNO-Arzt diskutierte und ihn 1941 in Großbritannien zum Patent anmeldete.

Rudolf Goldschmidt schrieb Einstein von dieser Arbeit in die USA. Er berichtete sogar von Selbstversuchen: „Es war eine große Sensation, als ich feststellte, dass ich ‚magnetisch‘ hören konnte, obwohl ich mein äußeres Ohr verstopft hatte…“

Goldschmidt wollte Einstein für die erneute Mitarbeit gewinnen. Aber der war inzwischen mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Er hatte keine Lust auf eine „neue Escapade in das Reich der Technik“. Und er wollte auf keinen Fall „hässliche ‚publicity‘“. Außerdem schrieb er Goldschmidt zurück, dass es in Amerika inzwischen Hörhilfen gäbe, „die – wie es scheint – so alt sind wie unsere damaligen Bemühungen und das Hören durch Knochenleitung recht befriedigend realisieren.“ – Olga Eisner, so Einstein weiter, hätte jetzt auch so einen Apparat. (Das waren aber Knochenleitungshörgeräte, bei denen nicht implantiert wurde.)

Einsteinturm Rückseite

Die berühmte Sängerin war – nachdem sie in Nazi-Deutschland nicht mehr auftreten durfte – 1937 ihrem Mann nach New York gefolgt. Dort hat sie vor allem als Gesangslehrerin gearbeitet, ist aber auch in den 40er Jahren noch aufgetreten.

Schraube im Kopf

Dass Einstein den Plan zum Hörgerät nicht noch einmal aufnehmen wollte, hatte auch mit seiner Skepsis zu tun. Er zweifelte daran, „dass Menschen geneigt sein werden, sich ein Stück Metall unter die Haut operieren zu lassen, wenn sie es umgehen können.“ Und er schrieb: „Auch scheint es mir, dass jedes solche Material mit der Zeit vom Körper resorbiert oder wenigstens oxydiert werden wird. Aber das mag falsch sein.“

Wie gesagt, dauerte es noch Jahrzehnte, bis ein schwedischer Orthopäde und Tüftler zufällig die Verbindung zwischen Titan-Röhrchen und Kaninchen-Schienbein entdeckte. Ein anderer schwedischer Forscher nutzte das für das erste knochenverankerte Hörgerät. Das gab es in den 70er Jahren. Es wird seitdem eingesetzt und weiterentwickelt.

Einsteinturm

Die Zweifel, die Einstein am Hörgeräte-Plan gekommen waren, wurden damit sozusagen ausgeräumt. Wer sie braucht, dem bringen Hörgeräte, die im Knochen verankert sind, erhebliche Vorteile. Vor einiger Zeit interviewte ich eine Frau, die so eine Technik nutzt. Bevor ihr ein kleiner Titan-Anker in den Schädel implantiert worden war, hatte sie auch schon mit Knochenleitung gehört. Aber sie hatte das Hörgerät, das den Schall als Vibrationen weiterleitete, immer an einem sehr engen Stirnband getragen. Sie fand das sehr unangenehm. Mitunter schmerzte das Band. Sie hörte nicht gut damit. Und sie kam deshalb auf eine Idee, mit der es ihr viel besser gehen würde.

Die Frau erzählte mir, dass irgendwann eine Ärztin vor ihr stand. Die Ärztin hätte sich bemüht, ihr schonend beizubringen, dass es da jetzt eine neue Behandlungsmethode gäbe – ein Stück Metall im Kopf. Die Ärztin schien mit allen möglichen Reaktionen gerechnet zu haben – nur nicht mit dieser: Die Frau erklärte ihr freudestrahlend, dass das doch genau das wäre, was sie sich schon lange wünschte: eine Schraube oder irgend so ein Ding im Kopf, an dem das Hörgerät andockt – ohne dieses blöde Stirnband. Genau ihre Idee! – Oder Einsteins Idee.

Einsteinwandbild

PS 1: Wie im Blog-Einstieg erklärt, mache ich Quellenangaben nur in Fällen, in denen ich ausführlicher aus einer Quelle geschöpft habe. Beim Artikel über Einsteins Hörgerät ist das der Artikel „Albert Einstein und die Akustik“ von Peter Költzsch, zu finden auf ResearchGate.

PS 2: Auch die Fotos zu diesem Artikel-Teil über Einsteins Hörgerät habe ich am und im Einstein-Turm auf dem Telegrafenberg in Potsdam aufgenommen – ein berühmtes Bauwerk des Architekten Erich Mendelsohn. Der Bau wurde ursprünglich errichtet, um Einsteins Relativitätstheorie (also die mit E = mc²) zu überprüfen. Unter den Nazis hieß der Turm nicht mehr Einstein-Turm und Einsteins Büste, die zuvor in seinem Arbeitszimmer stand, sollte eingeschmolzen werden. Aber seine früheren Mitarbeiter haben sie versteckt. – Und das letzte Foto ist eine Außenansicht der Phänomenta Peenemünde (eine Ausstellung naturwissenschaftlicher und physikalischer Dinge). Das Gebäude war ursprünglich Teil der Kaserne für die Versuchsanstalten Peenemünde, in denen die Nazis bis 1945 Raketen entwickelten.


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