Goalball

Über das Verhältnis von Hör- und Sehsinn (Teil 4)
„All the light you see“ von Alicia Eggert

In den vorangegangenen drei Beiträgen über „Hören oder Sehen“ ging es um das grundsätzliche Verhältnis von Hör- und Sehsinn, um Menschen, die mehr oder weniger nicht hören können (und deshalb mit den Augen hören), und um Menschen, die nicht sehen können (und deshalb mit Hör- und Tastsinn wahrnehmen). Im vierten und letzten Teil der Artikel-Serie will ich noch über ein besonderes Erlebnis schreiben. – Über einen Besuch bei der deutschen Herren-Nationalmannschaft im Goalball.

(Wenn du nicht weißt, was Goalball ist, geht es dir so wie den meisten Menschen, denen ich davon erzählt habe. Wir ändern das jetzt).

Sport für Kriegsblinde

„Goal“ ist natürlich englisch und heißt Tor. Erfunden wurde Goalball aber in Deutschland. (Es gibt auch noch Torball; das ist ähnlich, aber nicht gleich.) Nach dem 2. Weltkrieg gab es in Deutschland viele Männer, die im Krieg durch Verwundungen ihren Sehsinn verloren hatten, so genannte Kriegsblinde. Auch wenn sie nicht mehr sehen konnten, wollten sie Sport treiben, fit werden bzw. bleiben, Spaß haben. Also entwickelten ein Deutscher und ein Österreicher das Rollballspiel, aus dem später Goalball wurde.

Seit 1976 ist Goalball paralympisch. Seitdem werden also auch Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen für Sportler*innen mit Behinderung ausgetragen. (Wobei man anmerken muss, dass nicht alle dort starten. Es gibt nämlich auch die Deaflympics für hörgeschädigte bzw. taube Athlet*innen und die Specialolympics für geistig behinderte Athlet*innen.)

Illustration zum Beitrag „Goalball“ auf die-hörgräte.de

Goalball wird heute weltweit in mehr als hundert Ländern gespielt. Es gibt Deutsche, Europa- und Welt-Meisterschaften. Deutschland ist im Goalball sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen vorne mit dabei. (2019 wurden die Männer erstmals Europameister und die Frauen gewannen die Bronzemedaille.)

Wie Goalball geht

Auf jeder Seite des Spielfeldes sind drei Spieler. Die einen spielen den Ball. Er wird mit der Hand gerollt bzw. gekonnt geschleudert. Und die drei Spieler auf der anderen Seite warten hoch konzentriert, dass der Ball ankommt. Der ist ziemlich schwer und rollt ihnen klirrend entgegen. Der Ball hat nämlich innen Glöckchen bzw. Schellen. Er klingt wie ein mit leeren Flaschen gefüllter Einkaufswagen, der über Kopfsteinpflaster fährt, meist mit ziemlich viel Tempo.

Genau in dem Augenblick, in dem der Ball die Spieler auf der anderen Seite erreicht, schnellen ihre Körper über den Boden, strecken sich aus, bilden gemeinsam eine Barriere, die das neun Meter breite Tor hinter ihnen versperrt. Haben sie den Ball nicht, ist es ein Tor. Haben sie ihn, bleiben ihnen zehn Sekunden Zeit, um hoch zu kommen, sich zu orientieren und zurückzuspielen. Es geht hin und her. Und natürlich sehen sie absolut nichts. Wer noch ein Restsehen hat, spielt mit abgedunkelten Skibrillen. Man orientiert sich ausschließlich hörend und tastend. Sämtliche Markierungslinien sind mit einer Schnur unterlegt und die Latte des 1,30 Meter hohen Tores dient ebenfalls als Anhaltspunkt.

Spielregel Nummer 1: Ruhe

Wie bei jedem Sport gibt es bei Goalball strenge Regeln: Ein Spiel hat zwei zehnminütige Halbzeiten. Über das Feld darf der Ball nur gerollt werden. Er muss zumindest zweimal den Boden berühren. Regelverletzungen werden mit Strafwurf geahndet.

Amsterdam Light Festival 2019

Wichtig ist außerdem: Der Trainer hat während des Spiels zu schweigen und darf sein Team nur in den Auszeiten coachen. Überhaupt ist absolute Ruhe Spielregel Nummer 1. Goalball ist sozusagen Sport mit den Ohren. Laut wird es nur, wenn der Ball durch die Abwehr hindurch schießt und gegen das Torgestänge schlägt. Dann kommt der Pfiff für das Tor und es wird geklatscht und gejohlt, bis es weitergeht.

Spiel mit den Ohren

Wie gesagt, war ich mal zu Besuch bei einem Trainingslager der deutschen Herren-Nationalmannschaft; das ist schon ein paar Jahre her. Ich hab damals an einer Reportage für eine Hörakustik-Fachzeitschrift gearbeitet. Erst durfte ich beim Training zuschauen, dann Fragen stellen. Was mir beim Zuschauen gleich auffiel: Die Spieler hatten keine Schwierigkeiten, ihre richtige Position zu finden. Die mussten sie ja beim ständigen Hoch und Runter immer wieder neu finden. Und wenn einer doch mal falsch stand, dann gaben ihm die anderen Bescheid. Überhaupt kommunizierten sie ständig mit einander. Nur nicht in dem Moment, wenn der Ball kam und sie sein Geräusch orten musste.

„Jeder Spielzug, jede Taktik läuft über kleine Kommandos“, verriet mir Goalballer Stefan, damals einer der besten Nationalspieler. „Die Mannschaft muss wissen, was passiert. Man muss sich abstimmen, um sich nicht gegenseitig zu behindern. Und natürlich hören wir auch auf den Gegner. Rechts und links sagen sie auch in Holland oder Belgien. Neulich haben wir gegen Kanadier gespielt. Die haben sich erst in Englisch unterhalten, bis sie mitbekamen, dass wir sie verstehen. Dann wechselten sie zu Französisch, was es für uns deutlich schwerer machte.“

Spielentscheidende Raumakustik

In einem anderen Beitrag hatte ich schon über den Fledermaus-Mann Daniel Kish geschrieben, der zum Beispiel blind Mountainbike fährt, indem er auf das Echo seiner Klick-Geräusche hört. So ähnlich muss es auch beim Goalball funktionieren. Stefan beschrieb zum Beispiel: „Wenn ich nach der Ballabgabe zurück gehe und meine Position nicht finde, rufe ich. Bei einer guten Akustik reicht eine Rückmeldung zur Orientierung, ohne dass ich noch eine Linie ertasten muss. Auch der Center (das ist der mittlere Spieler, der den Ball spielt. – Anm. vom Autor) bekommt Rückmeldung, um seine Position wieder finden zu können. Dann rufen die beiden anderen „hier“, und schon weiß er, wo die Mitte ist. Aber bei schlechter Akustik brauche ich gar nicht erst zu rufen, weil ich mich dann sowieso nicht mehr an der Rückmeldung des anderen orientieren kann. Dann suchst du das Tor und findest so deine Linie.“

„All the light you see“ von Alicia Eggert

Die schlechte Raumakustik in einer Sporthalle kann den Ausgang eines Goalballspieles erheblich beeinflussen: „Wenn du in einer kleinen Halle spielst, hörst du sofort, wo dein Mittelmann steht. Ist die Akustik jedoch schlecht, kann der Center Probleme bekommen, seine Mitspieler zu orten. Dann kann es schon mal vorkommen, dass er bei der Ballrückgabe zwei Meter am eigenen Mann vorbei und gleich ins eigene Tor wirft. Neulich waren wir in einer Halle in Brasilien. Da kam es mir vor, als ob mein Mittelmann beim Gegner drüben sitzt. Plötzlich hörte ich ihn fünf Meter weiter weg, als er eigentlich stand.“

Sehen oder hören?

Ehrlich gesagt hatte ich zuvor nie darüber nachgedacht, ob man den Abstand zu einem anderen Menschen mit dem Gehör messen kann – jedenfalls nicht auf ein paar Meter genau. Bei der Begegnung mit den blinden Goalballern stellte ich mehrmals fest, wie wenig trainiert mein eigenes Hörvermögen ist. Wir standen in der Sporthalle und redeten. Irgendwann meinten sie alle: „Jetzt regnet‘s.“ Alle waren sich sicher, dass es draußen regnete. Nur ich konnte beim besten Willen nichts hören. Sehen konnte ich das zarte Tröpfeln, als ich (noch skeptisch) die Hallentür öffnete.

„All the light you see“ von Alicia Eggert

Die Spieler erklärten mir jedoch: „Man sagt zwar immer, Blinde hören super, aber eigentlich stimmt das gar nicht. Das Visuelle macht 80 Prozent der gesamten Wahrnehmung aus. Du aber musst mit den 20 Prozent, die dir übrig bleiben, die fehlenden 80 kompensieren. Du hörst deshalb nicht besser, sondern eigentlich nur intensiver. Theoretisch könnte das jeder Mensch. Und dann ist es ja sowieso immer die Frage, was schlimmer ist – nicht hören oder nicht sehen zu können…“

Wieder diese Frage nach Hören oder Sehen – nur dass ich hier Antwort von Leuten bekam, die nicht sehen können. Einer der Spieler erklärte mir: „Der Mensch ist ein Herdentier. Wenn du blind bist, kannst du mit jedem anderen normal kommunizieren, selbst wenn der hinter dir steht. Aber wenn mich jemand von hinten anspricht und ich höre nicht…? – Und wer nicht hört, kann ja immer nur mit einem kommunizieren. Ich hab das ein paar Mal auf dem Bahnhof gesehen – also, sehen lassen. Die Gehörlosen standen da zu viert oder zu fünft im Kreis, aber sie redeten immer nur mit dem einen oder mit dem anderen, guckten auf dessen Lippen oder dessen Hände. Aber wenn wir zusammen sind, ist das ein einziges Geschnatter. Fünf Leute, fünf Stimmen.“

Selbstversuch mit Nationalmannschaft

Abschluss meines Besuchs bei der Goalball-Nationalmannschaft war dann ein Selbstversuch. Die Spieler luden mich ein, eine Runde aufs Feld zu kommen. Das hab ich natürlich gemacht, schon, um darüber schreiben zu können:

Absolute Dunkelheit. Hinter die Skibrille in meinem Gesicht dringt nicht mal der Hauch eines Lichtstrahls. – „Die Herrschaften drüben machen bitte vorsichtig“, höre ich die Stimme des Nationaltrainers, und dann wohl in meine Richtung: „Wir fangen ruhig an.“

Amsterdam Light Festival 2019

Ich hocke hilflos in der Schwärze und bin irgendwie ganz froh, dass die anderen Spieler nicht sehen können, wie ich gleich unbeholfen über das Parkett schlittern werde. Sollte ich die Brille vielleicht doch ein klein wenig lüften? – „Brille abnehmen gibt Penalty“, höre ich erneut die Stimme des Trainers. Dann plötzlich rollt irgendwo aus dem Nirgendwo das klirrende Geräusch des Balles auf mich zu. Jetzt, denke ich, hechte über den Boden und spüre tatsächlich die schwere Gummihaut an meinen Fingerspitzen, ehe hinter mir das Torgestänge scheppert und der Pfiff ertönt: natürlich Tor.

Ich komme hoch. Jemand ruft mich. Das muss wohl Stefan sein. Er hält mir zielsicher den Ball hin. Für einen Moment habe ich die sonderbare Idee, ich könnte plötzlich der einzige sein, der hier nichts sieht. Ich nehme den Ball und schleudere ihn ins Nirwana. Er klingelt davon. Keine Ahnung, wo er gelandet sein könnte. Auch von den Geräuschen der Mannschaft da drüben kann ich nichts ableiten.

Und dann kommt der Ball zurück. Abwehr und Angriff, immer noch einmal. Bestimmt keine 80 km/h, die diese Bälle haben können; eher Kullerbälle. Dennoch freue ich mich, als ich endlich den ersten erwische. Und ich merke, wie mich das anstrengt, dieses runter und hoch, wieder und wieder. Ich schwitze und spüre meine Kniescheiben. Es folgt ein Drehball, von dem ich inzwischen weiß, dass er zwar anfänglich auf der rechten Seite zu hören ist, dann aber mit Effet nach links geht – vermutlich unmittelbar an mir vorbei. Und dann folgen die wirklich scharfen Bälle. Und ich bin jedes Mal ehrlich erleichtert, wenn ich sie hinter mir einschlagen höre, unbeschadet.

Wie ein verängstigtes Tierchen in einem Schuhkarton; ohne jede Orientierung. – „Wo bin ich?“ – „Du stehst genau einen Meter links neben deiner Position“, meint Stefan, der mich von irgendwo auf den Punkt geortet hat.

Amsterdam Light Festival 2019

PS 1: Auf dokumentarische Fotos mit (noch lebenden) Personen verzichten wir auf diesem Blog ja grundsätzlich. Deshalb kann man hier auch nicht sehen, wie Goalball aussieht. Das kannst du aber z. B. auf der Seite vom Deutschen Behindertensportverband oder auch in einem kurzen Beitrag der Sportschau.

PS 2: Die Fotos hier zeigen hingegen eine Installation vom Amsterdam Light Festival 2019 – „All the light you see“ von der Künstlerin Alicia Eggert. Eine Leuchtreklame mit der Botschaft “All the light you see is from the past”. – Alles Licht, was wir sehen, stammt aus der Vergangenheit. Licht braucht Zeit, um unsere Augen zu erreichen. Und wenn wir es sehen, ist es eigentlich schon gar nicht mehr da. Der Schein des Mondes ist 1,5 Sekunden alt, wenn wir ihn sehen. Das Licht der Sonne braucht acht Minuten und 19, bis es unser Auge erreicht. Je weiter wir in den Kosmos blicken, desto weiter blicken wir also eigentlich in die Vergangenheit. Und was wir um uns sehen, ist relativ (und genau genommen, schon gar nicht mehr da). Mir schien das ganz gut zu dem Beitrag und zum Abschluss der kleinen Artikelserie zu passen.


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